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Abwechslungsreiches Theater


Drei Kurzdramen feierten Premiere

05.12.2009 (chr)
Einen besonderen Theaterabend mit gleich drei Premieren gab es am Donnerstag (3. Dezember) in der Waggonhalle. Aufgeführt wurden die drei Gewinner-Stücke des 6. Marburger Kurzdramen-Wettbewerbs.
"Eine Mixtur aus Wohlgefallen und Zorn" wünschten sich die künstlerischen Leiter Serena Schranz, Katrin Hylla und Ferdinand Klüsener eingangs als Reaktion des Publikums. Das ist ihnen mit allen drei Inszenierungen auch definitiv gelungen.
Denn was das Publikum hier zu sehen bekam, war alles andere als leicht verdauliche Theater-Kost. Bereits das Eröffnungsdrama "Abschottung" des Autors Tim Marquardt ist kein dramatisches Stück im eigentlichen Sinne. Zu sehen war vielmehr eine Aneinanderreihung von Wort-Collagen mit loser Handlung, die sich einer genauen Inhaltsangabe entzieht.
Unmengen zerbrochener Eierschalen sind zunächst das Einzige, was dem Betrachter auf der Bühne ins Auge fällt. In diese Kulisse tritt das Paar Lisa und Tobias.
Dabei stehen beide so weit wie möglich weg voneinander. Nur schleppend kommt ein Gespräch in Gang.
Dann ist da noch Barbara, von der niemand weiß, wie sie eigentlich wirklich heißt. Am allerwenigstenweiß das sie selbst.
Vielleicht ist Barbara die "durchschnittliche bundesdeutsche Aufmerksamkeitsspanne", die ihr Thema alle 18 Sekunden ändert. Genauso machen es Tobias und Lisa.
Das Paar redet über alle möglichen Themen. Vor allem reden beide aber aneinander vorbei.
Dabei sprechen sie über Rassentrennung, Demokratie, Globalisierung und Gentechnik. Sätze wie "jede Meinung ist es wert, vernichtet zu werden, wenn sie falsch ist. Und was falsch ist, bestimme ich" ließen inmitten der Worthülsen dennoch aufhorchen.
Am Ende wird klar, dass Mann und Frau sich hier im Grunde gar nichts mehr zu sagen haben. Dabei setzte das auch die Körpersprache konsequent um. Die drei Darsteller sahen sich kein einziges Mal an.
Untermalt durch das gleichmäßige Ticken eines Metronoms und das wiederkehrende Geräusch zerbrechender Eierschalen entstand vor dem inneren Auge des Betrachters am Ende das Bild einer monotonen, kaputten Beziehung. Die Melodie-arme Sprechweise und die reduzierten Bewegungen der Darsteller ergänzten diesen Eindruck noch.
Zwar mutete das Spiel der drei Figuren manchmal durchaus etwas laienhaft an. Gleichzeitig gewann das Stück dadurch in seiner Thematik aber wieder an Ausdruckskraft.
Die Regisseure Hanke Wilsmann und Melchior B. Tacet zeigten in "Abschottung" das Leben gekonnt als ein emotionsloses Kaleidoskop des aneinander Vorbeiredens. Beziehungen sind dabei nicht möglich oder so fragil wie zerbrechende Eierschalen.
Trotzdem hatte der Zuschauer in diesem Stück erst gegen Ende annähernd die Möglichkeit, zu verstehen, worum es eigentlich geht. Dem setzte der Nachfolger aber sogar noch eins drauf.
In "Schwippern" von Nikolas Hoppe ist nämlich nichts so, wie es scheint. Der Eingangsmonolog erklärt dem Zuschauer noch, dass es um das junge Liebespaar Felix und Saida gehen soll.
Diese Tatsache scheinen auch die zwei Stimmen zu unterstreichen, die zu Anfang aus einem Lautsprecher zu hören sind. Doch stimmt dieser Eindruck wirklich?
Eine männliche und eine weibliche Stimme sprechen im Chor. Dabei reden sie gleichzeitig von wir und von ich.
Schnell stellt sich somit die Frage, wer hier eigentlich wer ist. Der Auftritt zweier gesichtsloser Gestalten in Kapuzenpullis macht die Verwirrung durch falsche Namen anschließend komplett.
Plötzlich ist nicht mehr klar, wer hier tatsächlich existiert. Das Stück schafft es damit, alles zur reinen Einbildung werden zu lassen.
Das lag nicht zuletzt an der konsequent verwirrenden Inszenierung. Gekonnt wechselten die Darsteller laufend ihre Rollen und Perspektiven.
Dabei beeindruckte besonders die gute Choreographie. Trotz zugezogener Kapuzenpullis bewegten sich die Schauspieler in traumwandlerischer Sicherheit über die Bühne.
Auch das sicher nicht immer einfache Chorsprechen meisterten sie beinahe fehlerlos. Insgesamt ist den Beteiligten damit eine gute Aufführung eines sicher sehr schweren Stückes gelungen.
Wie viel Arbeit darin steckt, ließ sich deshalb nur erahnen. Das galt auch für das letzte Stück des Abends.
"Vergnügte Ruh" von Sabine Bergk zeigt einen Mann und eine Frau, die sich nach einem schweren Schicksalsschlag auseinandergelebt haben. Auch der Holunderbusch - das Symbol ihrer Beziehung - blüht längst nicht mehr.
Beide müssen den Tod ihrer Kinder verkraften. Der Mann versucht, den Verlust zu kompensieren, indem er sich an seine Frau klammert.
Gleichzeitig fühlt er sich schuldig am Tod der Kinder. Die Frau dagegen flieht in die Stadt.
Ihr Mann unterstellt ihr daher, eine Affäre zu haben. Auch in diesem Stück scheitert jedoch der Versuch, miteinander über diese Probleme ins Gespräch zu kommen.
Die Frau lässt mit dem immergleichen Hinweis, er möge doch das Gartentor schließen, die Trauer-Monologe ihres Mannes ins Leere laufen. Da ist die Katastrophe beinahe vorprogrammiert.
Mit "Vergnügte Ruh" ist Regisseur Jan Treiber eine sehr einfallsreiche Inszenierung einer menschlichen Tragödie gelungen. Dabei war es das mit Abstand emotionalste Stück der Beziehungs-Trilogie.
Durch Techniken wie Video-Installationen oder Standbilder gewann die Szenerie dabei zusätzlich an Abwechslung. Gleichzeitig konnte Treiber auf sehr gute Darsteller zurückgreifen.
Peter Gerst und Juliet Brook Blaut spielten das traumatisierte Ehepaar mit der nötigen Tiefe und Inbrunst. Nico Sauerwein zeigte, wie man ein scheinbar so starres Objekt wie einen Holunderbusch mit bloßer Körperbeherrschung zum Leben erwecken kann.
Am Ende des Abends hatte das Publikum drei sehr unterschiedliche Stücke gesehen. Trotzdem war ihnen gemeinsam, dass die wesentlichen Punkte der Handlung allein in der Vorstellung des Zuschauers passierten.
Dadurch entstand das Gefühl, direkt einem sehr kreativen Prozess beizuwohnen. Die sehr sparsamen Inszenierungen erzeugten buchstäblich Theater zum Anfassen.
Diese Nähe verstärkte sich durch eine anschließende Gesprächsrunde, in der die Regisseure Einblick in die Arbeit mit ihren Stücken gaben. Das machte Theater an diesem Abend unmittelbar erfahrbar.
Insgesamt erlebten die Zuschauer einen sehr abwechslungsreichen Abend mit vielen Eindrücken zum Nach- und Weiterdenken. Die noch jungen Künstler wiederum konnten zeigen, zu welchen Leistungen sie bereits in der Lage sind.
Für diese Möglichkeit haben sie alle in Zukunft auch ein größeres Publikum verdient, das zur Premiere leider nur überwiegend aus Eingeweihten bestand. Die Anwesenden indes applaudierten anschließend dafür umso lauter.
Denn es lohnt in der Tat, sich selbst ein Bild von den Stücken zu machen. Interessierte haben dazu noch am Samstag (5. Dezember) und Sonntag (6. Dezember) jeweils ab 19.30 Uhr Gelegenheit.
Christian Haas
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