15.03.2008 (sts)
Am Morgen des 16. März 1988 griffen irakische Truppen die kurdische Stadt Halabja mit Giftgas an. 8.000 Menschen kamen ums Leben.
An diesen Racheakt des Ex-Diktators Saddam Hussein gegen das kurdische Volk erinnert seit Samstag (15. März) eine Ausstellung im Marburger Weltladen. Mit Fotos und kurzen Begleittexten zeigt Kuratorin Andréa Vermeer vom Zentrum für Konfliktforschung der Philipps-Universität die Geschehnisse vor 20 Jahren und das heutige Halabja.
Während des Iran-Irak-Kriegs von 1980 bis 1988 hatten die Kurden im Irak zunehmend mit der iranischen Seite paktiert. Gegen diesen Widerstand im eigenen Land hatte Saddam Hussein schon 1987 die so genannte „Anfal-Operation“ begonnen, die den systematischen Völkermord an den Kurden zum Ziel hatte.
Nachdem die Kurden iranischen Truppen Zutritt auf irakisches Territorium eingeräumg hatten, schickte der Diktator in Bagdad seinen gefürchteten Vetter Ali Hasan al-Madschid - heute besser bekannt als „Chemie-Ali“ - in den Nordirak, um den Widerstand endgültig niederzuschlagen.
Auch die USA und Europa spielen im Fall Halabja eine unrühmliche Rolle: Das eingesetzte Giftgas stammte aus den USA, den Niederlanden und Deutschland. Beteiligt war unter anderem die Preussag AG in Hannover. Der niederländische Chemie-Exporteur Frans van Anraat wurde 2005 vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag zu 17 Jahren Haft verurteilt. Über ihn sollen fast die Hälfte der Giftgaslieferungen an den Irak gelaufen sein.
„Bis heute ist das Thema Halabja im Irak nicht aufgearbeitet worden“, sagte Vermeer, die selbst ein Jahr im Nordirak gelebt und geforscht hat. In den Prozessen gegen Saddam Hussein und seinen ebenfalls mittlerweile zum Tode verurteilten Vetter kamen die Ereignisse vom 16. März 1988 nicht zur Sprache. Auch die Betroffenen selbst hüllen sich im Bezug auf die Vergangenheit in Schweigen.
Die streng islamische Lebensweise verbietet eine psychologische Betreuung. „Besonders viele Frauen leiden unter den schlimmen Erinnerungen“, berichtete Vermeer.
In Halabja ist mittlerweile ein Frauencafé gegründet worden. Es ist ein Ort für ungezwungene Treffen und Gespräche. „Ein erster kleiner, aber wichtiger Schritt“, wie Vermeer fand.
Am Donnerstag (20. März) um 20 Uhr wird Andréa Vermeer im Historischen Saal des Marburger Rathauses in einem Vortrag zum Thema „Frauen im Irak“ mehr über ihre Erlebnisse im Irak berichten. Der Eintritt ist frei. Spenden gehen an das Frauencafé in Halabja.
Stephan Sonntag
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