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Nichts für Zartbesaitete


"Der Kick" in der Jugendtheaterwoche

12.03.2008 (jnl)
Die 13. Hessische Kinder- und Jugendtheatewoche stellte sich auch sehr anspruchsvollen Themen. Mit "Der Kick" gastierte am Mittwoch (12. März) im Theater am Schwanhof (TaSch 2) das Theaterlabor Darmstadt mit einem Stück über den Jugend-Mordfall von Potzlow.
Unversehens befanden sich die Zuschauer auf einem Kinderspielplatz. Das ist ein typischer Treff-Ort für Jugendliche, wo es nichts Besseres gibt. Die beiden Schauspieler lehnen in den Klettergerüsten.
Der Spielort stellt das Dorf Potzlow in Sachsen-Anhalt dar. Dort fand 2002 ein aufsehenerregender Mordfall statt. Die drei Täter und das Opfer waren einheimische Jugendliche.
Der Dokumentarfilmer Andres Veiel hat aus vielen Interviews ein Theaterstück zusammen gestellt. Aus den Statements der Prozessbeteiligten, der Täter und ihrer Eltern sowie von Bewohnern und Amtsträgern im Dorf entstand so ein beklemmendes Bild der heutigen Verhältnisse.
Beim Aufflammen der Scheinwerfer begannen die Akteure mit dem Rollenspiel. Zuerst wurde angesagt, welche Person nun spreche. Dann folgte eine Textpassage aus den Interview-Aussagen.
Keine Szene wurde ausgespielt. Alle Erinnerungsbrocken und Deutungen der Beteiligten standen mehr oder minder als gleichberechtigte Texte nebeneinander. Die beiden Schauspieler wechselten beständig ihren Standort, ihre Körpersprache und die Färbung ihres Wortschatzes.
Die Haupttäter waren Brüder und zur Tatzeit 17 und 21 Jahre alt. Beide waren sie jugendliche "Kamptrinker" und gehörten zur ostdeutschen Neonazi-Szene. Ihre Mordtat entsprang beinahe beiläufig aus Trunkenheit, Langeweile und aufgestauten Aggressionen.
Der von dem jüngeren Marcel ebenso bewunderte wie gefürchtete ältere Bruder Marco war der Anstifter zum Geschehen. Ursprünglich sensibel und von den Eltern unverstanden, hatte er sich seit Jahren zu einem hartgesottenen Nazi-Skinhead verkapselt.
Wegen wiederholter schwerer Körperverletzung hatte er mehrfach im Knast gesessen. Von dort war er - nie auch nur um eine Spur gebessert - zurückgekehrt.
Die Eltern der beiden Brüder zeigten sich überfordert sowohl von ihrer elterlichen Verantwortung als auch von der Tragweite der Tat. Das Fenster ihres Hauses geht auf jene Jauchegrube, in der die Leiche des Opfers verbuddelt wurde. Verdrängung und Selbstmitleid ließen die Eltern nie über Schuld und Reue auch nur wirklich nachdenken.
Bis auf einen einzigen Gleichaltrigen und den Pastor zeigten die zur Wort kommenden Dorfbewohner sehr wenig Mitleid mit dem Opfer. Dass der Junge wegen einer geistigen Minderbegabung gar nicht imstande war, "Nein" zu sagen und sich zu wehren, legte man ihm eher negativ aus. Der Bürgermeister meinte, er sei"zur falschen Zeit am falschen Ort" gewesen, ein "Zufallsopfer".
Die Freundin von Marco gehörte zu einer größeren Clique von jungen Neonazis. Die meisten Heranwachsenden im Dorf teilten ihre Einstellungen. Obwohl das bei Frauen eher selten vorkommt, war diese Sandra B. selbst wegen schwerer Körperverletzung im Knast gelandet. Sie schmiedete Zukunftspläne, Marco zu heiraten.
Aus all diesen Stimmen zum überwiegend völlig unverarbeiteten Gewalt-Exzess von Potzlow ergab sich ein Puzzle aus Zaungast- und Zeugenaussagen. Dem einzelnen Zuschauer oblag es, sich als eine Art Detektiv aus all den Brocken ein eigenes Bild zu machen.
Die morgendliche Jugendtheater-Vorstellung richtete sich vornehmlich an Schulklassen. Die jüngsten waren in Marburg Achtklässler. Ob sie den erheblichen Anforderungen der Rekonstruktion und Reflektion der gescheiterten Verantwortung und Gefühlsverrohung der Täterkreise gewachsen sind, kann bezweifelt werden.
Immerhin fuhren zur Nachbereitung des an die Nieren gehenden Theaterstücks insgesamt vier Theaterpädagogen mit in die Schulen. Ob die zwei Stunden von 11 Uhr bis Schulschluss wirklich ausreichten, mag dahingestellt bleiben.
Nadja Soukup und Erik Haug vom Theaterlabor Darmstadt zeigten sich als erfahrene Darsteller. In der kurzen Fragerunde nach der Aufführung machten sie ebenfalls eine gute Figur. Allerdings blieb der Eindruck, dass das Ganze eher ein Doku-Drama für Erwachsene als ein Jugendstück war. Die Jugendproblematik kann von der Altersgruppe selber eigentlich nicht befriedigend aufgelöst werden.
Jürgen Neitzel
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