07.11.2009 (jnl)
Eine neue Vortragsreihe der Universitäts-Bibliothek Marburg eröffnete am Freitag (6. November) in der Alten Aula der Philipps-Universität mit der Lesung des populären Schriftstellers Christoph Hein. Gut 230 Besucher füllten die 270 Sitzplätze in dem repräsentativen Saal mit gespannter Erwartung.
Der jung und sportlich wirkende Direktor der Universitätsbibliothek, Dr. Hubertus Neuhausen, begrüßte erfreut die zahlreich erschienen Besucher der Veranstaltung. Er erläuterte, dass dieser Tag stattfinde im Rahmen einer bundesweiten Aktionswoche unter dem Motto "Deutschland liest - Treffpunkt Bibliothek". Insgesamt über 3.000 Vorträge und Lesungen im gesamten Bundesgebiet fänden in diesem Sinne statt. In Marburg habe man fünf Veranstaltungen dazu auf die Beine gestellt.
Prof. Dr. Christa Heilmann übernahm dann die Moderation und Einführung zu dem prominenten Schriftsteller. Sie nannte ihn einen "Meister der Zwischentöne". In der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) entwickelte man wegen der herrschenden Zensur ein hoch trainiertes Gehör für Tonfälle und Ausgelassenes, so dass man aus der Literatur Gewinn an Erkenntnis zu ziehen vermochte.
Hein las an einem Sitzpult aus seiner autobiografischen Novelle "Von allem Anfang an". Darin geht es um die Kindheit in einer siebenköpfigen Pfarrersfamilie in der DDR der 50er Jahre.
Die Freuden und Leiden eines Zehnjährigen stehen im Zentrum. Erstaunlich scharfsinnig lotet er seine Grenzen und Zukunftschancen aus. Sein wenige Jahre älterer Bruder David ist ihm ein trefflicher Maßstab.
Dieser Bruder darf ins Internat eines Gymnasiums in Westberlin wechseln. Dort möchte der Erzähler auch hin, denn er beneidet seinen Bruder glühend.
Zugleich möchte er aber auch gerne im heimatlichen Umfeld bleiben. Denn alle seine gleichaltrigen Freunde sind auch vor Ort. Hein lässt seine Hauptperson hin und her überlegen und schwanken.
Eine Besuchsreise der ganzen Familie zum Internat des Bruders bildete den Höhepunkt der Lesung. Die präzise literarische Schilderung der Konflikte aus der Perspektive eines gedankenreichen Kindes hatte viel Schwung und nicht wenig Humor.
Die Niederschlagung des Ungarn-Aufstands 1956 gerät ins Blickfeld. Das geschieht aber nur insoweit, wie ein Minderjähriger die Nachrichten unterschiedlicher Medien zu vergleichen versteht.
Ungleich stärker interessiert ihn die gleichaltrige Klassenschöne, in die alle um ihn herum ebenfalls verliebt sind. Dieses Mädchen ist zugleich eine sehr gute Schülerin und als einzige extrem katholisch.
Verwirrend findet der Jung als genauer Beobachter seiner Umgebung, dass ihr das von den areligiös gestimmten Lehrern und Mitschülern locker verziehen wird. Er als Pastorskind dagegen wird ständig mit der Religion aufgezogen.
Die Fragen des Publikums richteten sich vornehmlich auf biografische und persönliche Seiten des Autors. Warum etwa entschied sich Hein Ende der 70er Jahre, als ihm die DDR-Ausreise nahe gelegt wurde, für das Bleiben? Er habe eine Aufgabe für sich gesehen, der er sich nicht entziehen wollte, antwortete der Schriftsteller.
Nach dem Ende eines Systems wie der DDR gehe es zu wie nach einer erfolgreichen Bärenjagd: Das Tier werde von den Jägern eine Weile lang - sich gegenseitig überbietend – zur Riesen-Bestie hochgesteigert. Es brauche lange Zeit, um nach einer solchen Erregung wieder Gelassenheit einkehren zu lassen.
Wieso habe er sein RAF-Buch geschrieben? Er sei schockiert gewesen, dass die juristische Aufarbeitung so wenig souverän, prinzipientreu und überzeugend verlaufen sei. Auf willkürliche Aussageverweigerungen seitens Staatsvertretern könne man sicher kein Urteil gründen, dass sich auf Unentscheidbarkeit beruft.
Verletzen ihn zuweilen Literaturkritiker? Nein, lautete Heins Antwort, denn zum Zeitpunkt einer Veröffentlichung von Rezensionen sei ein Autor schon immer längst mit dem nächsten Werk befasst. Die Kritik beziehe sich auf Vergangenes.
Ein Autor beschäftige sich mit seinem Thema oft zwei bis drei Jahre, bis es als Buch vorliegt. Kritiker hingegen hätten meist nur wenige Tage. Daher komme bei ihrer Arbeit selten Überraschendes oder Anregendes heraus.
Jemand der soviel und gut über Frauen schreibe, sehe der sich selber als Frauenversteher? "Nein! Natürlich nicht", sagte Hein. Männer könne er viel leichter verstehen, aber Frauen interessierten ihn halt mehr. Damit brachte er alle zum Lachen.
Beim Signieren seiner Bücher bildeten sich anschließend lange Schlangen vor dem sympathisch souverän auftretenden Schriftsteller. Es war eine bemerkenswert entspannte, schöne Atmosphäre im Saal.
Jürgen Neitzel
Text 3006 groß anzeigenwww.marburgnews.de