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Unpolitische Erinnerungen


Politischer Salon zur Städtepartnerschaft Marburg-Eisenach

07.11.2009 (jnl)
Weniger Gäste kamen, als die Veranstalter erhofft hatten. PD Dr. Johannes M. Becker hatte zum Politischen Salon am Freitag (6. November)
in den Historischen Saal des Rathauses geladen. Thema war die 21 Jahre alte Städtepartnerschaft Marburgs mit Eisenach.
Angekündigt waren Rückblenden und Aktualität. Das Gedenken an 20 Jahre Mauerfall sollte für zusätzlichen Rückenwind sorgen. Jedoch lediglich knapp dreißig Besucher waren erschienen.
Auf dem Podium saßen neben Becker als Moderator der ehemalige Pressesprecher des Magistrats der Universitätsstadt Marburg, Erhart Dettmering, Stadtverordnetenvorsteher Heinrich Löwer und der frühere Eisenacher Projektleiter Detlev Behm-Blancke. Alle drei wurden gebeten, sich einmal in die damalige Zeit zurückzuversetzen, um ihre seinerzeitigen Eindrücke zu schildern.
Einführend führte Becker aus, dass ein großer Teil der Städtepartnerschaften in den ersten beiden Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg gestiftet wurden. Mit Frankreich wurden in einer ersten Welle viele Verbindungen zu deutschen Kommunen geknüpft. Das galt auch für Marburg mit Poitiers in den 50er Jahren.
Ausgangspunkt waren sowohl positive Erlebnisse unter der alliierten Besatzung als auch - man höre und staune - gute Erfahrungen der Deutschen in der Kriegsgefangenschaft. Außerdem wollte man den Frieden diesmal frühzeitig festigen, so dass in Europa nie wieder so ein Krieg ausbrechen könnte.
Dettmering berichtete von frühen Kontakten der Oberstadtgemeinde und weiterer kleiner Marburger Gruppen nach Eisenach. Im Rahmen des kleinen Grenzverkehrs konnte man damals hinüber. Das brach erst ab, als 1961 die innerdeutsche Grenze undurchlässig wurde.
Später habe nach vielen Jahren des Nichts-geht-mehr Christa Czempiel als Leiterin der hessischen Landesvertretung in Bonn den Ständigen Vertreter der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) zu einer diplomatischen Öffnung gewonnen. Dann war plötzlich ein Weg zur Städte-Verschwisterung frei.
Als Zeitzeuge berichtete Dettmering von mehreren Delegations-Reisen, an denen er selber teilnahm. Die Vertragsverhandungen in Eisenach hätten die Marburger sehr durchsetzungsstark für sich entschieden. Tatsächlich blieben nach seiner Version so gut wie keine DDR-Formulierungs-Vorschläge erhalten.
Der frühere Eisenacher SED-Projektbeauftragte Behm-Blancke gab sich extrem vom DDR-Sozialismus geläutert. Bereits damals hätte die mittlere Altersgruppe der DDR-Bürger bis in die SED hinein eine große Enttäuschung gespürt.
Die Älteren in den Führungspositionen der Partei hätten eher keine Veränderungen à la Michail Gorbatschows Glasnost und Perestroika gewollt, fast alle Jüngeren jedoch schon. Wenn alle zwei Millionen SED-Parteimitglieder gegen die Öffnung eingestellt gewesen wären, hätte sie wohl so schnell nicht kommen können.
Daher habe er mit dem damaligen Eisenacher Stadtoberhaupt zusammen alle Hindernisse aus dem Weg geräumt. Diese Städtepartnerschaft habe man unbedingt gewollt. Lediglich Einmischungen aus der Zentrale in Ostberlin hätten damals hineingespielt.
Auch Löwer bestätigte, dass der damalige Marburg Oberbürgermeister Dr. Hanno Drechsler sehr an der Partnerschaft zu Eisenach interessiert gewesen sei. Man habe sogar zeitweilig die schon angebahnte Verschwisterung mit der britischen Stadt Southampton aufgeschoben. Eisenach habe Vorrang erhalten.
In der Publikumsrunde kamen erstmals auch kritische Einwände zu Wort. Ein Teilnehmer merkte an, dass von Eisenach doch ohne Mauerfall nur Delegationen von regimetreuen Funktionären Reisen in den Westen bekommen hätten. Diesen Einwand konnten die Podiums-Experten nicht überzeugend entkräften.
Aus einer weiteren Frage aus dem Publikum ergab sich, dass tatsächlich zwischen Eisenach und Marburg lediglich religiös-historische Reminiszenzen ein Motiv der Gemeinsamkeit stiften sollten. Es gab die Landgräfin Elisabeth von Thüringen und es gab Martin Luther. Sonst gab es eigentlich ausgesprochen wenig Gemeinsames zwischen der Industriestadt Eisenach und der Universitätsstadt Marburg.
Die aktuelle Situation der Partnerschaft kam gegenüber den zahlreichen Anekdoten aus dem Rückblick deutlich zu kurz.
Jürgen Neitzel
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