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Arbeit in Weltklasse


Filmanalysen bei Kameragesprächen

10.03.2008 (jnl)
Renato Bertas Filme eignen sich als spannende Lernobjekte. Während der 10. Marburger Kameragesprächen am Samstag (8. März) und Sonntag (9. März) kam es zu lebhaften Diskussionen über die Bildgestaltungen des Preisträgers.
An drei sehr unterschiedlichen Spielfilmen aus verschiedenen Arbeitsperioden des Trägers des Marburger Kamerapreises wurde den Besonderheiten seiner Arbeitsweise nachgespürt. Nach der Filmvorführung gab es jeweils ein kurzes Impulsreferat. Darauf schloss sich eine Diskussion mit Berta über die aufgeworfenen Fragen an.
Es zeigte sich, dass der Preisträger mit den Thesen der Medienwissenschaftler oft nicht einverstanden war. Den Versuch, ihm eine "gleichbleibende Handschrift" über das gesamte Werk zuzuordnen, wies er vehement zurück. Für jeden Film und für jede Einstellung darin bestehe die gemeinsame Aufgabe von Regisseur und Kameramann darin, jeweils passgenaue Lösungen zu entwickeln. Ein Schema gebe es dafür nicht. Die Wahrung der Kohärenz gelte immer nur innerhalb eines Films.
Als wichtigste Eigenart Bertas stellte sich heraus, dass er ein ausgeprägt dialogisches Grundverständnis vertritt. Der 63-Jährige betonte, als Befehlsempfänger des Regisseurs habe er nie agiert aber auch nicht als dessen Gegenspieler. Zwischen Dialogpartnern mit verschiedenen Aufgaben entstehe das Filmkunstwerk als Teamarbeit.
"Das Wichtigste für den Kameramann ist, herauszufinden oder zu wissen, was ein Regisseur sucht," hatte Berta im Filmbulletin 1/2007 geäußert.
In seinem Referat vertrat Prof. Rolf Coulanges die These, der bewusste Einsatz von Dunkelheit zeige den Stil der Bertaschen Lichtführung. Im Spielfilm "Kadosh" des jungen israelischen Regisseurs Amos Gitai wird eine beklemmende menschliche Tragödie im Milieu der orthodoxen Chassidim-Juden sichtbar gemacht.
In sehr lebendiger Darstellung seiner Erlebnisse während der Dreharbeiten in Jerusalem, widersprach Berta den Annahmen der Theoretiker. Entgegen dem tragischen Geschehen im Film sei die Stimmung des Drehteams die meiste Zeit eher ausgelassen und der Stimmung im Film entgegengesetzt gewesen. Die Haltung gegenüber den national-religiösen Bewohnern des Viertels war notwendiger Respekt vor den Leuten.
Allzuleicht verfalle man darauf, eine Karikatur, Anklage oder Satire zu drehen. Dann wäre der Spielfilm gescheitert.
Anhand einer aufwendigen Installation mit vier Projektionsflächen wurden die Bedingungen des Lichteinsatzes in der Studio-Produktion herausgearbeitet. Die dokumentarischen Aufnahmen hatte Berta mitgebracht.
Vor gleicher Kulisse demonstrierte Berta, wie man nur durch Scheinwerfer-Einsatz Sommer- in Winterlandschaft verwandeln kann und Miniaturbauten "aufbläst".
Zurecht hervorgehoben wurde auch die Kunst der Kadrierung bei Berta. Die Wahl der Bildausschnitte war tatsächlich in allen Filmen bemerkenswert exzellent.
Deutlich wurde insgesamt, dass ein angestrebtes Kinokunstwerk in der Praxis keineswegs im Festhalten an vorgeplanten Methoden und ästhetischen Prinzipien vorankommt. Abseits von Denkbarrieren wird das Gelingen eines Drehs häufig nicht durch fixierte Festlegungen sondern durch pragmatisch genutzten Raum für Improvisation erzielt. Intuition spielt eine viel größere Rolle als viele Wissenschaftler vermutet hatten.
Jürgen Neitzel
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