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Kamerapreis verliehen


Berta als schweizerischer Olympier

09.03.2008 (jnl)
Die Filmkunst wird in Marburg hochgehalten. Das zeigte die prächtige Verleihung des Marburger Kamerapreises am Samstag (8. März) vor vollen Rängen in der Aula der Alten Universität.
Kulturdezernentin Dr. Kerstin Weinbach entschuldigte den wegen einer Jerusalem-Dienstreise abwesenden Oberbürgermeister. Sie hob vor allem das Alleinstellungsmerkmal des Kamerapreises hervor. Im 1.600 Seiten und Einträge umfassenden Handbuch der deutschsprachigen Kulturpreise gebe es rund 250 Filmpreise. Nur sieben Einträge gälten indes den Bildgestaltern an der Kamera. Die Marburger Veranstaltung sei darunter die weitaus Bedeutendste.
Der Schweizer Generalkonsul Julius F. Anderegg sprach ein sympathisch legeres Grußwort. Kunst und Nationalität hätten genaugenommen wenig miteinander zu tun, zitierte er Max Frisch. Aber das vergesse man häufig absichtsvoll und baue sich damit falsche Identitäten.
Er persönlich bewundere die Unsteifigkeit, die der Welt der Kulturschaffenden gegenüber der übrigen Geschäftswelt eigen sei. Zum Zeichen seiner Wertschätzung für den Preisträger hatte er für die Feier zwei Kisten Weißwein aus der Region Lausanne mitgebracht.
Als Initiator der Kameragespräche gab Prof. Dr. Karl Prümm eine prägnante Darstellung des Laudators Hanns Zischler. Er gelte als "Autor und Essayist von einer hierzulande seltenen Eleganz". Darüber hinaus habe er sowohl als Filmkritiker, wie auch als Schauspieler und Regisseur enge Beziehungen zum Kino und zur Filmkunst. Zischler sei "ein berufener Akteur der Bürgerlichkeit".
Der Laudator titelte seine erfrischend kurze - aber pointierte - Rede doppeldeutig mit "Renato Berta oder die richtige Einstellung". Das Technische und das Ästhetische seien eben in diesem Beruf stark ineinander verknüpft. Die französische Berufsbezeichnung "Operateur" bringe das Eingreifende weit besser zum Ausdruck als der deutsche Begriff "Kameramann".
In der Zwickmühle zwischen Handwerk und Artistik spiele der Bildgestalter an der Kamera eine - oft verkannte - bedeutende Rolle. Renato Berta habe die Beziehungsstruktur der am Drehort Handelnden aus Regisseur, Operateur und Schauspielern schon mal als "infernales Dreieck" bezeichnet. Zugleich habe er es immer verstanden, die Fliehkräfte der dort wirkenden Gruppendynamik aktiv an den Hörnern zu packen und zu reintegrieren.
Besonders hervor hob Zischler, dass Berta eine klare, eindeutige Ästhetik der Vermeidung von kinofremden Bildern aus der Welt der Werbeagenturen vorlebe. Unter solchen "Product Pictures" habe man sich einschmeichelnde, mit falschen Versprechungen aufgeladene Einschübe aus Lifestyle-Bildern vorzustellen.
Auch habe die Fernseh-Ästhetik mit Kinematographie nichts zu tun. Dafür stehe Renato Berta ein.
Diese Lobrede war wunderbar kurz, klar und prägnant. Dafür bekam Zischler den spontanen Beifall des Publikums.
Sein Dankeswort eröffnete der Preisträger mit einer Entschuldigung auf Deutsch, dass er nicht flüssig genug deutsch reden könne, um seinen Vortrag in dieser schönen Sprache zu halten. Eine Dolmetscherin half aus.
Berta beklagte anhand von vier Beispielen aus der Gegenwart den sichtbar werdenden Verfall film-ästhetischer Werte und Rezeptionsgewohnheiten. Im Langstreckenflug wie im Hotel werde ohne Not und ohne Sachverstand Filmklassikern das technisch neue 16-zu-9-Format übergestülpt. Die gestauchten Gestalten wirkten peinlich, aber die Verantwortlichen schienen das gleichgültig zu sehen.
Beim höchsten französischen Filmpreis "Cézar" habe man aus Furcht vor Raubkopien die an die Abstimmungsberechtigten versandten DVD-Kopien mit einer Dauer-Einblendung versehen. Er empfinde das als schändlich.
Im Jahr 2007 sei er Jury-Mitglied zur Wahl der "Goldenen Palme" in Cannes gewesen und auf Filmkritiker gestoßen, die in ihrer beruflichen Hektik keinen der von ihnen zu rezensierenden neuen Filme mehr vollständig anschauten. Das seien Schlaglichter.
Ohnehin seien 70 bis 90 Prozent der von Filmschaffenden erzeugten Bilder heute keine kinematografischen Bilder mehr. Vor einem halben Jahrhundert, als er seine berufliche Laufbahn begann, war das noch vollkommen anders. In den letzten 25 Jahren sei mit der Video-Technik ein großer Umbruch erfolgt.
Er sei kein Nostalgiker, aber den Werteverfall, die zunehmende Unordnung im Kinofilm-Geschäft und die abnehmende Wertschätzung für Filmkunst registriere er aufmerksam.
Abschließend resümierte Berta, er blicke zurück auf 40 Jahre im Beruf und über 100 Filme. Dafür danke er dem lieben Gott, soweit er denn angesichts dieser Welt an ihn glauben könne.
Jürgen Neitzel
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