08.03.2008 (jnl)
Eine der schärfsten kabarettistischen Lästerzungen kommt aus Freiburg im Breisgau. Matthias Deutschmann bewies am Freitag (7. März) im
Kulturladen KFZ vor ausverkauftem Haus erneut seine Hochklassigkeit.
In medias res spießte er das gegenwärtig in den Medien meistdiskutierte Thema um die "hessischen Verhältnisse" seit der Abwahl der CDU-Regierung auf. Andrea Ypsilanti mache also die Grätsche, kommentierte er trocken. Nun werde es umso lustiger, wenn Roland Koch als geschäftsführender Regierender künftig die Beschlüsse der hessischen Parlaments-Mehrheit ausführen müsse.
In seinem aktuellen Programm "Die Reise nach Jerusalem" kriegten alle ihr Fett weg. Die Politiker sowieso aber genauso die Fernseh-Promis, der Alltag, die Kabarettisten selber und ihr reizendes Publikum bekamen alle reichlich Zunder. "Früher hatten wir einen Standpunkt. Heute haben wir einen Sitzplatz." Die Zuschauer geizten darüber nicht mit Gelächter und Spontanapplaus.
Bemerkenswert an dem seit 23 Jahren als Solokabarettist tourenden Deutschmann ist, dass er immer besser geworden ist. Nicht was er an Themen aufgreift, sondern wie er diese mit Timing und Verve serviert, erzeugt das Vergnügen. Wo er früher intellektuell und anspruchsvoll Attacken ritt, tanzt er gegenwärtig verbal mit Wolf und Florett. Die Verbissenheit ist fort. So locker war er zuvor nie.
Nebenher erweist er sich in kurzen Einlagen am Cello als ein begabter Musiker. Die Intermezzi sind nie fade runtergenudelt, vielmehr erstaunlich einfallsreich. Ihr effektvoller Einsatz verrät ein erhebliches Übungspensum.
Mal intoniert er selbst arrangiert den Komponisten Johann Pachelbel, dann wieder die von ihm stark verfremdete "Internationale". Immer sitze ihm dabei die Furcht vor der Gier der GEMA im Nacken, verrät er im verschwörerischen Plauderton. Auch mit dem knallroten Instrumentenkoffer hat er schon schaurige Erlebnisse mit dem Sicherheitspersonal der Flughäfen gehabt.
Das in diesem Jahr genau 40 Jahre zurückliegende 1968 ist natürlich ein Thema. Deutschmann empfiehlt das neue Buch des Historikers Götz Aly zu lesen. Daraus lerne man, dass Rudi Dutschke und Josef Goebbels "aus dem gleichen Holz" gewesen seien. Es lohne sich also, denn man bekomme eine Menge zu lachen geboten mit dieser Lektüre.
Bei Johannes B. Kerner im Fernsehen paradierten die "führenden deutschen Hitler-Darsteller" diverser Spielfilme der letzten Jahre durch die Sendungen. Denn das deutsche Publikum kriege offenbar nicht genug von den alten Mythen und Geschichten.
Über die verblichene "Rote Armee Fraktion" (RAF) machte er sich lustig. Da werde wohl bald schon ein Musical daraus gemacht werden. Der Markt verlange nunmal gebieterisch nach immer neuen Reizen und Themen. Und "sowas gab's ja noch nicht".
Man könne sich ja schon glücklich schätzen, dass wenigstens Sabine Christiansens "Deutschland steht am Abgrund"-Dauerberieselung nach langen Jahren endlich eingestellt worden sei. Ihre Nachfolgerin Anne Will klinge wie ein fester Vorsatz der ARD: Anne will. Aber sie kann's leider nicht, kommentierte Deutschmann lakonisch.
In der sogenannten politischen Klasse der Gegenwart gilt seiner Beobachtung nach ein perfider Grundsatz: "Es geht um nichts mehr. Aber es ist Geld da und das räumen wir ab."
Peter Scholl-Latour wird als patenter Kronzeuge für eine Afghanistan-Strategie benannt: Dort gebe es nur mehr eins zu tun, nämlich eine große gemeinsame Abschiedsparade der ausländischen Mächte durch die Hauptstadt-Straßen und dann nichts wie raus aus dem Land.
In der Zugabe spielt Deutschmann den alerten Rollen-Theologen. "Der liebe Gott schickt mir Ex-Katholiken immer reichlich Protestanten in den Saal, damit die Stimmung nicht zu sehr hoch geht." In der Art und Weise nahm er sich selber selber auf die Schüppe.
Jürgen Neitzel
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