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Beschränktheit statt Anspruch


Raus aus der Hochkultur, rein in die SMS-Literatur

19.09.2009 (fjh)
Die Abkürzung "SMS" steht nicht nur für straff begrenzte Kürze, sondern zugleich auch für sprachliche Beschränktheit.
Auf den Umfang von zwei SMS und damit nur "320 Zeichen" hat das Kulturamt der Stadt Marburg die Länge von Gedichten begrenzt, die im Rahmen eines neuen Wettbewerbs prämiert werden sollen. Einen anspruchsvollen Literaturpreis hatten die Stadt und der Landkreis Marburg-Biedenkopf dagegen im Februar 2006 abgeschafft.
Beschränktheit statt literarischen Anspruchs sind aber nur eine Seite der Medaille. Hinzu kommt die Kooperation des städtischen Kulturamts mit der werbenden Wirtschaft. Die Siegertexte des Wettbewerbs "320 Zeichen" sollen auf Brötchen-Tüten und Kuchen-Verpackungen der Marburger Bäckereien aufgedruckt werden. Ein weiterer Sponsor ist der örtliche Vertreter der Mobiltelefon-Gesellschaft "Vodafon". Dem Sieger des Wettbewerbs spendiert er ein Handy.
Der hochgenrige Literaturpreis, den Stadt und Kreis bis 2005 jährlich vergeben hatten, war mit Preisgeldern bis zu 7.500 Euro dotiert. Für Autoren, die oft jahrelang am Hungertuch nagen müssen, bis sich ihre progressive Schreibe durchsetzt, sind Preise wie dieser überlebenswichtig. Solche Preise fördern das Überleben gerade avantgardistischer Literaten.
Prominente Preisträger wie Robert Menasse und Durs Grünbein bezeugen die Qualität des Marburger Preises. Von ihrem literarischen Ruhm konnte sich auch der Preis eine Scheibe abschneiden.
Dass die Stadt und vor allem der Kreis diesen Preis wegen des damit verbundenen Aufwands an Finanzen und Arbeit aufgegeben haben, ist ein unverzeihlicher Fehler schlimmsten Ausmaßes gewesen. Dass die Stadt nun einen SMS-Preis auslobt, ist bezeichnend für ein Verständnis von Kultur, das auf Merchandising und primitiver Plattheit basiert.
Dem Kulturamtsleiter Dr. Richard Laufner kann man zwar gewiss nicht diese Primitivität unterstellen. Er ist durchaus ein vielfältig gebildeter Mann. Aber er ist auch ein Netzwerker, der seine kreativen Ideen gerne Zeitgeist-gemäß gemeinsam mit der werbenden Wirtschaft umsetzt.
Ein Beispiel dafür war das leuchtende Herz am Kaiser-Wilhelm-Turm. Wer eine bestimmte Telefonnummer wählt, der bringt nicht nur dieses "Herz der Heiligen Elisabeth" zum Leuchten, sondern spendet mit dem Telefontarif zugleich Geld für einen guten Zweck. Das war eine nette Idee ganz im Zeichen des Merchandising.
Dem gleichen Trend folgt auch der Wettbewerb für die Verslein auf der Brötchen-tüte. Kurze Gedichtchen fungieren dabei als unkonventionelle Werbeträger.
ie Marburger Bevölkerung dürfte sich über so viel Kreativität sicherlich freuen, wäre dieser Ausschreibung nicht 43 Monate vorher das Aus für die hochliterarische Ausschreibung vorangegangen. Dadurch entpuppt sich der neue Wettbewerb als ein – angesichts der Vorgeschichte absolut peinlicher – Werbegag einer städtischen Dienststelle, die sich seit einigen Jahren auch nicht mehr "Kulturamt", sondern "Fachbereich Kultur" nennt. Das Wort "Kultur" sollte sie vielleicht demnächst durch "Spaß" ersetzen.
Franz-Josef Hanke
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