07.03.2008 (jnl)
Müde, aber gut gelaunt wirkte Renato Berta am Donnerstag (6. März). Der Träger des 10. Marburger Kamerapreises war erst am gleichen Tag in Marburg eingetroffen.
Berta ist ein Kameramann von Weltrang. Er hat mit vielen europäischen Film-Regisseuren gearbeitet. Dürfen die Zeitgenossen sich ihn als einen glücklichen Menschen vorstellen?
Er findet die Frage schwierig. Wie kann man heutzutage glücklich sein, sagte er, wo die Ökonomie und die Politik dermaßen versagen!
Als er jung war, habe man leidenschaftlicher rebelliert. In der Gegenwart verhielten sich die meisten Menschen resignierter. Dabei sei vieles eher schlimmer als besser geworden.
Ist Kameramann ein Beruf wie andere in der Filmbranche? "Ja und nein", meinte er. Der zunehmende Zeitdruck sei für alle Beteiligten hart. Aber gerade sein Beruf biete doch viel eigene Gestaltungsmöglichkeiten.
Welche Spielräume bleiben bei ständig wechselnden Dreh-Orten für Privat- und Familienleben? Nicht viel, räumte Berta ernst blickend ein, wenn man im internationalen Kinofilm tätig sei. Bei den Kollegen im Fernseh-Bereich sei das allerdings deutlich anders.
Ist sein Beruf als Bildgestalter eher Handwerk oder Kunst? Er sehe es als ein Kunstgewerbe, grinste der Kameramann. Das sei Handwerk im alten Sinne, eines, das man nicht ohne Kunstverstand ausüben könne.
Was macht ihm am meisten Freude im Beruf? Das Wichtigste sei für ihn, einen Film zu erschaffen, der aufgrund der Qualität nicht in Vergessenheit fallen werde.
Könnte er sich vorstellen, jemand machte einen Dokumentarfilm über sein Leben? "Nicht wirklich", lautete die Antwort. Tatsächlich hat er schon mal einen Entwurf geliefert. Allerdings wurde nichts daraus.
Wie war das damals als Angehöriger der 68er-Generation in der italienischen Schweiz? Er und seine Freunde hätten vor allem interessiert die Ereignisse in Italien beobachtet und kommentiert, erinnerte sich Berta.
War er Anfang der 70er Jahre tatsächlich eine Schlüsselfigur des Neuen Schweizer Films? Was für eine schwierige Frage, wehrte Berta ab. Die drei Sprachräume in der Schweiz seien schon immer sehr verschiedene Welten gewesen. Er als "Operateur" habe indes in allen dreien Aufgaben übernommen.
Welche Veränderungen sind ihm aus den 80ern und 90ern im Gedächtnis? Er sei halt 1981 nach Paris übergesiedelt. Dort wohne er mit seiner Frau bis heute. Die meisten beruflichen Angebote kamen halt aus Frankreich.
Die neuartige Video-Technik habe er interessiert wahrgenommen. Insgesamt habe es gerade technisch und organisatorisch zahlreiche Veränderungen gegeben.
Die immer knapper vorgegebenen Drehzeiten bedrohten aber mehr und mehr die Qualität der Kinoproduktionen.
Gab es extrem schwierige Kooperationen mit Regisseuren und umgekehrt wenig stressige? "Je nun", das sei doch kein Kriterium. Nur das gemeinsam erstellte Resultat in Gestalt von Filmkunst zähle letztlich.
Zum Beispiel Jean-Luc Godard sei bekannt als ein schwieriger Partner. Aber gerade von ihm habe er viel gelernt. Louis Malle oder Alain Resnais seien halt konfliktfreiere Persönlichkeiten.
Bertas letzte - gerade fertiggestellte - Arbeit war ein aufwendiger Puppen-Animations-Film. War das Neuland für ihn?
"Genau das", bestätigte er. Er liebe Herausforderungen wie diese.
Ist Deutschland für ihn ein wohlbekanntes Land? Mehrfach habe er in Berlin und in der Provinz gearbeitet. Tatsächlich sei er "eher germanophil als anglophil". Und die deutsche Sprache könne er ja schließlich auch gut verstehen, wenn auch nicht fließend sprechen.
Was ihm in Marburg aufgefallen sei, lautete die allerletzte Frage. Die Stadt sei wunderbar. Er bewundere die Architektur. Hier sei "der Fingerabdruck der alten Handwerker noch zu sehen".
Jürgen Neitzel
Text 278 groß anzeigenwww.marburgnews.de