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Neue Selbsthilfegruppe


Marburger Psychiatrie-Erfahrene organisieren sich

15.08.2009 (fjh)
"Seit ich meine Anfälle erfolgreich mit Medikamenten bekämpfe, drehe ich manchmal durch", berichtet Eva S. resigniert. Den Jahreswechsel hat die Marburgerin deshalb in der Psychiatrischen Klinik verbracht. Nun möchte sie gemeinsam mit anderen Betroffenen in Marburg eine Selbsthilfegruppe für Psychiatrie-Erfahrene gründen.
Ziel ist dabei nicht nur der Erfahrungsaustausch unter Betroffenen, sondern auch die Diskussion über Missstände und Möglichkeiten zur Abhilfe. Im Mittelpunkt des Interesses stehen dabei neben Kliniken und Psychiatern auch die Vereine, die Psychisch Kranke betreuen.
"Heutzutage bleiben Patienten nicht mehr lange in der Klinik", berichtet Eva S. ruhig. "Nach kürzester Zeit werden sie in Wohngruppen verpflanzt, wo sie meist nicht von Psychiatern oder Psychologen, sondern von Sozialarbeitern betreut werden.
"Oft entscheiden dann Sozialarbeiter über die Gabe oder Dosierung von Medikamenten, wofür sie eigentlich gar nicht ausgebildet sind". Mitunter werde die Betreuung durch die entsprechenden Vereine den Patienten und ihren Bedürfnissen einfach nicht gerecht.
Allerdings bezweifelt Eva S., dass man sie als typischen Psychiatrie-Patienten bezeichnen könnte: "Ich habe mich in der Psychiatrischen Klinik tatsächlich etwas erholt. Dagegen ist die sogenannte Gemeindepsychiatrie für mich eine Summe von Stressfaktoren".
Viele andere Patienten hingegen erleben die Klinik als traumatisierend. Sie können sich hinterher in einer Wohngruppe erholen.
Allerdings gibt es nach Evas Beobachtung für die Vereine in der "Gemeindepsychiatrie" keinerlei Anreiz, die Klienten in die so genannte "normale Gesellschaft" zu integrieren: "Je mehr Fürsorge ein Klient laut Aussage des zuständigen Pädagogen braucht, umso mehr Geld gibt der LWV automatisch dafür aus."
Darin sieht die 38-jährige geradezu einen Anreiz, die Patienten möglichst lange in der Obhut solcher Vereine zu behalten. Sie selbst jedenfalls hat ihre Probleme bislang noch nicht bewältigen können.
"Manchmal schreie ich in meiner Küche die Möbel an", berichtet Eva S. fast belustigt. "Glücklicherweise haben sich meine Nachbarn bisher nicht beschwert. Aber ich leide selbst sehr darunter."
Deswegen hatte die epilepsiekranke Marburgerin sich in psychiatrische Behandlung begeben müssen. Außerhalb der Klinik wird sie von einem sogenannten "gemeindepsychiatrischen" Verein betreut.
Doch mit dessen Unterstützung ist Eva S. nicht zufrieden.
"Ich darf meine Betreuerin nur montags bis mittwochs vormittags anrufen", berichtet sie. "Meine Panik-Attacken kommen oft aber außerhalb dieser Zeiten!"
Psychiater verlangen manchmal auch bei einem Anruf eine Überweisung, weil sie nur dann eine Bezahlung dafür erhalten. So bleiben viele Patienten in Notfällen auf sich allein gestellt. Das gelte oft auch für suizidgefährdete Menschen, beklagt Eva S. betrübt.
Die Selbsthilfegruppe könnte hier weiterhelfen, hofft sie. Zwar sei es für Betroffene nicht leistbar, als Ansprechpartner in Notfällen einzuspringen. Das sei für die meisten einfach eine zu große Belastung. Doch könnten die Betroffenen gemeinsam diese Missstände sicherlich besser in die Öffentlichkeit tragen, hoffen Eva S. und ihre Mitstreiter.
Deswegen wollen sie sich jetzt zu einer Marburger Regionalgruppe des Landesverbands Psychiatrie-Erfahrener Hessen (LVPEH) zusammenschließen. Er wiederum ordnet sich dem Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener (BPE) zu, der nicht mit der genau gleich abgekürzten Vereinigung in Berlin verwechselt werden möchte.
Alle 14 Tage treffen sich Marburger Psychiatrie-Erfahrene mittwochs abends in den Räumen von Radio Unerhört Marburg (RUM) an der Rudolf-Bultmann-Straße. Das nächste Treffen dort ist für Mittwoch (19. August) um 19.30 Uhr anberaumt.
Eva S. hofft, dass sich einige weitere Betroffene der neuen Selbsthilfegruppe anschließen: "Auch mir ist es peinlich, über meine Psychiatrie-Erfahrung zu reden. Psychiatrie-Patienten werden in der Öffentlichkeit häufig stigmatisiert. Aber all diejenigen, die die Nase rümpfen, haben keine eigenen Erfahrungen mit derartigen Krankheiten!"
Franz-Josef Hanke
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