03.08.2009 (fjh)
"Mitgefühl statt Egoismus" empfahl der Dalai Lama als Weg zu einem glücklichen Leben. Das Oberhaupt der tibetischen Buddhisten nahm am Montag (3. August) im Fürstensaal des Marburger Landgrafenschlosses die Ehrendoktorwürde der
Philipps-Universität entgegen.
In seiner Dankesrede betonte Tenzin Gyatso die zwingende Notwendigkeit von Zuwendung und Mitgefühl. Ohne die Zuwendung der Mutter sei wohl keiner der rund 320 geladenen Gäste hier, meinte der 14. Dalai Lama.
Der Buddhismus betone zwar die Individualität jedes Menschen, der in sich selbst nach dem eigenen Weg zu persönlichem Glück suchen müsse. Gleichzeitig richte er sein Augenmerk jedoch auch auf die Einbettung in die Gemeinschaft, ohne die kein Mensch existieren könne.
Alle Religionen enthielten diese Ausrichtung auf einen Weg zum Glück, fuhr der Dalai Lama fort. Allerdings beschritten sie dabei unterschiedliche Wege. Doch solle man sich hierbei auch immer auf die eigenen Traditionen und kulturellen Wurzeln besinnen, empfahl er.
Neben dem Dank für die Doktorwürde drückte Gyatso seine Freude darüber aus, dass nicht nur an der Philipps-Universität in Marburg die tibetische Sprache und Kultur erforscht und vermittelt werde. Budhistische Zentren seien zwar "schön und gut für diejenigen, die den Buddhismus kennenlernen oder praktizieren wollen", doch bevorzuge er die Universitäten als Institutionen einer systematischen wissenschaftlichen Herangehensweise an den Buddhismus und die tibetischeKultur.
Selbstbeschränkung und Mitgefühl nannte der Dalai Lama als Schlüssel zu Frieden und persönlichem Glück. Auch wenn die Tibeter Opfer der chinesischen Annektion ihres Heimatlands seien, sehe er doch viel häufiger glückliche Gesichter bei Tibetern als bei Chinesen.
Eines seiner Anliegen sei auch, die tibetische Kultur trotz der Okkupation seines Heimatlands durch China zu erhalten, erklärte Gyatso. Die Identität eines Menschen begründe sich nämlich auch in seiner Kultur und in der Geschichte.
Auf die Geschichte der Philipps-Universität als älteste protestantische Universität der Welt hattte zuvor Universitätspräsident Prof. Dr. Volker Nienhaus in seiner Begrüßungsrede hingewiesen. Ihre Geschichte verdeutliche die besondere Verbindung der Philipps-Universität mit dem Thema Religion. Die Zeremonie in genau dem Saal, wo 1529 das "Marburger Religionsgespräch" stattgefunden hatte, sei überaus passend, meinte Nienhaus.
Nach dem Präsidenten begrüßte Prof. Dr. Sonja Fielitz das Publikum im Fürstensaal. Sie ist die Dekanin des Fachbereichs "Fremdsprachliche Philologien", der dem Dalai Lama die Doktorwürde ehrenhalber verliehen hat.
Angeregt hatte diese Ehrung der inzwischen emeritierte Tibetologe Prof. Dr. Michael Hahn". Die Entscheidung sei bereits im Jahr 2006 gefallen, berichtete die Dekanin. Allerdings habe es bis jetzt gedauert, bis die Ehrenpromotion auch wirklich stattfinden konnte.
Prof. Dr. Jürgen Hanneder vom Fachgebiet "Indologie und Tibetologie" verwies anschließend auf die Schwierigkeiten, die Arbeit in diesem Bereich mit Hilfe von Drittmitteln zu finanzieren. Allerdings belege die große öffentliche Aufmerksamkeit für die aktuelle Zeremonie die Bedeutung der Arbeit seines Fachgebiets.
Anschließend hielt Prof. Dr. Eckhard Bangert die eigentliche Laudatio auf den Dalai Lama. Der emeritierte Tibetologe ist mittlerweile selbst buddhistischer Mönch. Seit 40 Jahren ist er mit dem Dalai Lama befreundet.
Bangert hob vor allem die Verdienste des 74-jährigen Religionsführers für die Pflege der tibetischen Kultur hervor. So habe er bereits 1971 eine Bibliothek für tibetische Schriften initiiert.
Neben diesem Archiv hat der Dalai Lama auch die Gründung einer eigenen tibetischen Universität "Central Institute of Higher Tibetan Studies" (CIHTS) in Sarnath im indischen Bundesstaat Varanasi veranlasst. Dort studieren junge Menschen sowohl die traditionellen buddhistischen Lehren als auch moderne westliche Methoden wissenschaftlichen Arbeitens.
"Seine Heiligkeit" habe sich damit um die Wissenschaften verdient gemacht, betonte Bangert. Auch seine Publikationen hätten Wissenschaftlern vor allem in westlichen Ländern weitergeholfen, den Buddhismus und seine kulturellen Grundlagen zu verstehen. Das sei umso wichtiger, als die Tradition des tibetischen Buddhismus zuvor ausschließlich auf mündlicher Überlieferung beruht habe.
Entsprechend dieser Tradition hielt der Dalai Lama selbst keine lange Rede, sondern forderte das Publikum nach knapp 20 Minuten eigenen Vortrags auf, ihm Fragen zu stellen. Seine Antworten waren indes ob seines unverständlichen Englischs oft so undeutlich, dass die Zuhörer mehrfach raten mussten, was er denn gesagt haben könnte.
Vor Beginn der Promotionsfeier im Fürstensaal hatte der Dalai Lama sich ins Goldene Buch der
Stadt Marburg eingetragen. Im benachbarten Rittersaal fand zudem die Segnung einer vergoldeten Buddha-Statue durch das religiöse Oberhaupt der tibetischen Buddhisten statt.
Dabei wurde die Bronzefigur mit einem Schleier zugedeckt. Nur ihr Kopf blieb unverhüllt.
Diese Statue wird auf einem nachgebauten buddhistischen Altar in der Religionskundlichen Sammlung der Philipps-Universität ausgestellt. Sie symbolisiert das Mitgefühl. Auch der Dalai Lama gilt nach dem Glauben seiner Anhänger als Inkarnation des Mitgefühls.
Franz-Josef Hanke
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