14.07.2009 (fjh)
"Nach 30 Jahren ist der IMC wieder nach Marburg zurückgekommen", freute sich Dennis Cory. Am Dienstag (14. Juli) eröffnete der Mobilitätstrainer aus Hamburg in der
Deutschen Blindenstudienanstalt (BliStA) den 13. International Mobility Congress (IMC).
Bis Freitag (17. Juli) tauschen 350 Mobilitätstrainer von allen fünf Kontinenten hier ihre Erfahrungen im Umgang mit dem weißen Langstock und der Einweisung in Strategien für ein selbstbestimmtes Leben sehbehinderter und blinder Probanden aus.
Cory selbst hat hier maßgebliche Maßstäbe gesetzt. Zusammen mit seiner Frau Pamela und seinen Kollegen Jochen und Bea Fischer hat der gebürtige US-Amerikaner 1971 an der BliStA mit dem Langstock-Training für Blinde begonnen. Vorher war die Langstock-Technik in Europa völlig unbekannt.
Mit einem weißen Spazierstokc und einem Teleskop-Stativ betrat BliStA-Direktor Claus Duncker die Bühne. "So sah das früher aus", erklärte er mit auf den kurzen Stock. "Ertasten konnte man damit fast nichts. Der Stock diente vor allem zur Kennzeichnung."
Die Teleskop-Konstruktion des Stativs hingegen habe als Vorbild für den Langstock gedient. Er ist an Körpergröße und Schrittlänge seines sehbehinderten oder blinden Benutzers angepasst und geht ihm gewissermaßen immer einen Schritt voraus. Die Spitze des Stocks tastet den Boden genau an derjenigen Stelle ab, wo beim nächsten Schritt der Fuß hintritt.
Mit Hilfe derartiger Stöcke und einer speziellen Pendeltechnik können Blinde trotz ihrer Behinderung eine relativ große Mobilität erlangen. Die Anwendung dieser Technik und zahlreicher Tricks zu Orientierung und Bewegung im Raum vermitteln den Blinden sogenannte Mobilitätstrainer.
Cory war Deutschlands erster Mobilitätslehrer. Er habe den Blinden "im wahrsten Sinne der Worte den Weg in ein selbstbestimmtes Leben" eröffnet, erklärte Andreas Bethke. Der Geschäftsführer des
Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands (DBSV) verlieh dem IMC-Präsidenten zur Eröffnung des Kongresses die DBSV-Ehrenmedaille. Mit ihr zeichnet der Verband Sehende aus, die sich in herausragender Weise für Blinde und Sehbehinderte eingesetzt haben.
Bethke erinnerte sich an sein eigenes Training bei Cory. Damals habe mancher Blinde Angst gehabt, trotz des Stocks in eine Baugrube zu fallen.
Auch Cory erinnerte sich voller Wehmut an seine Marburger Zeit. "Mit dem IMC bin auch ich nach Marburg zurückgekommen", sagte er.
Die mittelhessische Universitätsstadt war nicht nur Schauplatz des ersten IMC. Sie ist zugleich auch die einzige Stadt, wo diese Tagung überhaupt zum zweiten Mal stattfindet.
Diese Tatsache werde der besonderen Bedeutung Marburgs für die Blinden und Sehbehinderten gerecht, freute sich Oberbürgermeister Egon Vaupel. Blinde und Sehbehinderte gehörten in Marburg so selbstverständlich zum Stadtbild, dass der Umgang mit ihnen für die Bevölkerung etwas völlig Alltägliches sei.
Diese Tatsache verdanke die
Stadt Marburg vor allem auch der BliStA, die seit 1916 Deutschlands zentrale Einrichtung zur Blindenbildung ist. Diese Aufgabe habe sie nun mit zwei weiteren Neuerungen ausbauen können, berichtete Duncker stolz.
Erst vor wenigen Tagen habe die hessische Landesregierung die Rehabilitationseinrichtung der BliStA als offizielle Weiterbildungseinrichtung anerkannt. Damit ist sie die einzige Einrichtung Deutschlands in diesem Bereich.
Im Wintersemester 2010/2011 werde es auch erstmals als Weiterbildungsmaßnahme einen Master-Studiengang zur Blindenbildung geben. Träger davon seien die BliStA sowie die
Philipps-Universität.
Die Geschichte des Mobilitätstrainings für Blinde fasste Prof. Dr. Brambrink in seinem Festvortrag zusammen. Nach dem Ersten weltkrieg sei der Blindenhund aufgekommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) der Langstock entwickelt. Beide Mobilitätshilfen eröffneten Blinden die Möglichkeit zu einem selbstbestimmten Leben.
Selbstbestimmung sei auch ein wichtiges Ziel der Hessischen Landesregierung, erklärte Sozialminister Jürgen Banzer. Mit der Internationalen Konvention über die Rechte der Behinderten haben auch die Vereinten Nationen (UN) dieses Ziel im Völkerrecht verankert.
Franz-Josef Hanke
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