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Verstanden haben und verstanden werden


Judith Hermann stellte ihr neues Buch im KFZ vor

17.06.2009 (ute)
In blauer Jeans, in einem schlichten dunklen Sommerpullover und mit einer Tasche quer geschultert, betrat am Dienstag (16. Juni) Judith Hermann die Bühne des Kulturladens KFZ. Etwas müde fuhr sie sich über das Gesicht, als die Veranstalter die Lesung aus ihrem neuen Buch "Alice" ankündigten.
Vor ausverkauftem Haus begann sie dann konzentriert, die zweite Erzählung ihres Buches vorzutragen. Alice ist die Protagonistin ihrer insgesamt fünf Geschichten.
In ihnen macht die junge Frau eine leise Entwicklung durch: Sie nähert sich dem Abschied. In Conrad stirbt ein Verwandter von ihr.
Trauer um einen nahen Freund war der Auslöser, auch in ihrem neuen Buch dieses Thema zu verarbeiten. Getan habe sie das, weil sie nahe am eigenen Erleben schreibe, sagte Hermann.
Die zweite Geschichte berichtet dabei nicht von Abgründen, sondern sie erzählt von Alice. Sie handelt von ihren Freunden, die sie begleiten, von Italien, dem Gardasee und davon, dass sie sich während eines Restaurantbesuchs betrinken sowie dann auch von dem Tod Conrads.
In einigen Sätzen kommt das Sterben inmitten des Erzählstroms. Nicht beiläufig geschieht das, aber auch nicht wuchtig.
"Ich habe keinen Raum in mir für die Trauer über den plötzlichen Tod meines nahen Freundes Rainer Baumgart gefunden.Es hat mich aber die letzten 5 Jahre begleitet", sagte Hermann ehrlich vor dem Marburger Publikum. "Nur die erste Geschichte meines Buches ist mir zu persönlich und drastisch zum Vortragen", fuhr sie dann fort, obwohl sie das autobiographische Kern-Element des Buchs ist.
"Sie ist zu nahe am eigenen Erleben und durch den beschriebenen Krebstod für eine Lesung eher eine Art von Zumutung", betonte die Autorin leise.
Eine Zuhörerin beklagte, dass der Zusammenhalt zwischen den fünf Erzählungen manchmal schwer ersichtlich sei. Hermann beschrieb daraufhin die Entstehungsgeschichte ihres neuen Buchs. Sie erwähnte die erste Geschichte als Ausgangspunkt, die autobiographischen Elemente und die Details, die sie erfunden habe.
"Dabei bevorzuge ich Erzählungen", betonte sie, als eine weitere Frage darauf abzielte, wann sie denn endlich ihren ersten Roman schreiben werde. "Ich kann beim Erzählen offen lassen,mit Leerzeichen schreiben."
Während ihrer Lesung wurde deutlich, dass Hermann eine Meisterin dieser Erzählkunst ist. Ihre Wortwahl ist schlicht, obwohl ihre Sätze lang sind. Kommata trennen und verbinden gleichzeitig Sätze, meistens aber unvollständige Satzglieder und zum Teil einzelne Worte. Manchmal endet ein langer Satz sogar mit indirekter oder wörtlicher Rede.
Damit erlebte das Publikum zwei Stunden lang eine Erzähl-Welt aus Bildern, die nicht verletzten, sondern trösteten. Eine Zuhörerin brachte es dann zum Schluss der Veranstaltung auf den Punkt: "Durch Ihre Texte werden mir manchmal bestimmte Momente bewusster. Das finde ich so schön!"
"Das freut mich", antwortete Hermann glücklich. Nachdem das Publikum lange Beifall geklatscht hatte, verließ es zufrieden das KFZ. Und auch Hermann schien zufrieden, denn sie hatte verstanden und wurde verstanden.
Ute Schneidewindt
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