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Tagungsprogramm ist ein Tagesordnungspunkt


Gegenverantstaltung zu evangelikalem Kongress in Marburgs Mitte

18.05.2009 (ms)
Die AIDS-Hilfe und pro familia Marburg sowie die hessischen Grünen protestieren gemeinsam gegen die Teilnahme von Referenten der Organisationen "Wüstenstrom" und "Deutsches Institut für Jugend und Gesellschaft" bei einem Kongress der "Akademie für Psychotherapie und Seelsorge". Die evangelikale Tagung soll von Mittwoch (20. Mai) bis Sonntag (24. Mai) in Marburg stattfinden.
Die Akademie für Psychotherapie und Seelsorge (APS) hat für ihren Kongress Räume der Philipps-Universität angemietet. Der Kongress hat das Thema "Identität". Gegner dieses Kongresses sprechen von einem "Homophobie-Kongress" und werfen den Veranstaltern die Unterstützung von "Umpolungs-Seminaren" für Homosexuelle vor. Dieser Vorwurf wurde ursprünglich damit begründet, dass zwei oder drei Referenten in der Vergangenheit entsprechende Veranstaltungen durchgeführt haben sollen.
"Das Präsidium der Philipps-Universität Marburg hat Verständnis dafür, dass Betroffene und Minderheiten sensibel auf Veranstaltungen reagieren, bei denen sie damit rechnen, dass dort ihren Grundüberzeugungen fundamental widersprechende und diskriminierende Positionen vertreten werden“, sagte Universitätspräsident Prof. Dr. Volker Nienhaus am Montag (18. Mai). Das Universitätspräsidium stehe gegen Diskriminierung und für die Wahrnehmung von Minderheiten-Rechten ein. In gleicher Weise stehe es für freie Meinungsäußerung ein, die nicht leichtfertig zur Disposition gestellt werden dürfe.
Inzwischen wird dem Kongress generell Pseudowissenschaftlichkeit und die Verfolgung religiös-fundamentalistischer Ziele vorgeworfen, die anschlussfähig für rechtsextremes Gedankengut seien. Der Veranstalter haben diese Vorwürfe wiederholt zurückgewiesen. Aus dem Misstrauen der Gegner kann das Präsidium der Philipps-Universität jedoch keine Rechtfertigung für ein präventives Redeverbot einzelner Referenten oder gar für die Kündigung des Mietvertrags ableiten.
Das Präsidium hat allerdings den Veranstalter dazu aufgefordert, dass Transparenz hergestellt wird und die Aussagen überprüfbar werden. Wissenschaft und Demokratie lebten schließlich davon, dass man sich mit den Meinungen anderer und vermeintlichen Irrlehren argumentativ auseinandersetzt.
Die Gruppe der Studierenden im Senat hatte geltend gemacht, dass Studierenden diese Auseinandersetzung faktisch wegen des Tagungsbeitrags von 130 Euro nicht möglich sei. Das Präsidium hat sich gegenüber dem Veranstalter dafür eingesetzt, zehn vom Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) zu benennenden Studierenden eine kostenfreie Teilnahme am Kongress zu ermöglichen. Der Senat hat diesen Vorschlag gutgeheißen. Der Veranstalter ist auf diesen Vorschlag eingegangen.
Der AStA hat diese Möglichkeit zur kritischen Begleitung des Kongresses jedoch abgelehnt. Gemeinsam mit dem Studierendenparlament fordert er stattdessen vom Präsidium, dem Kongress die gemieteten Räume der Universität zu entziehen. Dieses faktische kollektive Redeverbot für alle Referenten des Kongresses wird vom Präsidium aber strikt abgelehnt.


Die drei Organisationen sind am Donnerstag (21. Mai) ab 12 Uhr mit einem Stand und einer Bühne auf dem Gerhard-Jahn-Platz präsent. Das kündigten sie am Montag (18. Mai) an.
"Wir begrüßen, dass sich die Kongressveranstalter bei ihrer gestrigen Pressekonferenz von den Thesen Hoffmanns und Vonholdts distanziert haben. Leider haben sie dennoch nicht die Kraft, diese Referenten auszuladen und so zur Deeskalation beizutragen. Deshalb werden wir gemeinsam am Himmelfahrtstag in Marburg protestieren“, kündigten Renate Reddemann von pro familia, Mario Ferranti von der AIDS-Hilfe Marburg und Grünen-Landesgeschäftsführer Kai Klose an.
AIDS-Hilfe, pro familia und Grüne haben dieses gemeinsame Vorgehen vereinbart, da sie den Seminaren sachlich - aber bestimmt - begegnen wollen. "Viele Menschen haben sich mit Unverständnis darüber an uns gewandt, dass Vonholdt und Hoffmann während des Kongresses ein Forum geboten wird."
Um 13 Uhr werden deshalb seriöse Wissenschaftler wie Prof. Dr. Ulrike Schmauch von der Fachhochschule Frankfurt, Dr. Gisela Wolf vom Verband lesbischer Psychologinnen und schwuler Psychologen und Dr. Constance Ohms von "Broken Rainbow" dort zu den "Umpolungs-Theorien" der Referenten Markus Hoffmann und Christl Vonholdt kritisch Stellung beziehen.
"Gleichzeitig appellieren wir an alle Beteiligten, die Auseinandersetzung nicht weiter zu eskalieren: Es gilt, hart in der Sache - aber mit den Mitteln der Demokratie - ein deutliches Signal zu setzen, dass Homo-Heiler in Marburg nicht willkommen sind. Jede Form von Gewalttätigkeit lehnen wir ab. Sie diskreditiert unser Anliegen und dient letztlich nur denjenigen, die unseren legitimen Protest ins Abseits stellen wollen“, erklärten pro familia, AIDS-Hilfe und Grüne.
Matthias Schulz/pm
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