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Eindrücke aus dem Kreishaus


Wenn das Kreisparlament tagt

10.05.2009 (rar)
Völlig ahnungslos und etwas nass vom Regen stehe ich am Freitag (8. Mai) um 8.55 Uhr vor dem Kreishaus. Das Gebäude ist groß. Es hat schwarzgerahmte Fenster und eine graue Fassade.
Ich werde von einem Kollegen dorthin begleitet. Da ich noch keine Haltestelle für meinen späteren Rückweg gefunden habe, wenden wir uns an die netten Damen des Empfangs. Die Empfangshalle ist hell und der Boden mit grauen, glänzenden Platten ausgelegt. Das ganze sieht sehr edel aus.
Mein Begleiter zeigt mir nach der Beschreibung der Sekretärinnen noch den Ausgang und die Straße, die zur Bushaltestelle führt. So verlieren wir ein paar Minuten und ich komme etwas zu spät.
Ich bin etwas unsicher, auf mich allein gestellt zu sein. Doch ich setze mich in einen großen Saal und nehme auf einem der blau gepolsterten Stühle Platz.
Währenddessen begrüßt der Vorsitzende die anwesenden Damen, Herren und Besucher.
Bald darauf wird die Sitzung wieder abgebrochen, weil eine der Fraktionen die Absetzung eines Tagesordnungspunktes fordert und darüber erst beraten werden muss.
Sobald die Sitzung unterbrochen wird, kommen mehrere Gespräche auf. Man wünscht sich einen guten Morgen, diskutiert irgendwelche politischen Fragen oder holt sich einen Kaffee.
Endlich habe ich Zeit, mich im Raum umzusehen. Er ist länglich. An den Seiten befinden sich große Glasscheiben. Die Wände sind braun. Vorne im Saal steht ein Redepult. Außerdem befindet sich dort der Platz des Vorsitzenden.
An der Wand hängen zwei alte Gemälde.
Während der Sitzung fällt mir auf, dass immer irgendwer durch den Raum geht, Türen öffnet, wieder schließt oder in ein Telefongespräch verwickelt ist. Um 9.30 Uhr klingelt der Vorsitzende mit einer Glocke. Sofort beginnt es, ruhig zu werden. Es wird über den Tagesordnungspunkt 8 abgestimmt. Er wird schließlich abgelehnt und verschwindet von der Liste.
Danach beginnt die Fragestunde. Ich höre einfach nur zu und versuche, mich erst mal an die "politische Sprache" zu gewöhnen. Das klappt aber nur sehr langsam. Ich verstehe teilweise gar nicht, ob jetzt eine Frage gestellt oder bereits beantwortet wird.
Es geht um die Kostenübernahme für Wohngelegenheiten behinderter Menschen, um die Veränderung des Schulsystems oder um den Datenschutz.
Mir fällt auf, dass ich wahrscheinlich die jüngste bin. In meinen "normalen" Klamotten komme ich mir irgendwie unpassend vor.
Die Männer tragen Anzüge, die Frauen Blusen, jedenfalls die meisten. Hätte ich was anderes anziehen sollen?
Meine Unsicherheit lässt immer noch nicht nach. Einige der Politiker reden so leise oder undeutlich, dass ich gar nicht richtig verstehe, was sie eigentlich sagen. Ihre Namen bekomme ich erst recht nicht mit, weil zwischen den Pausen der Redner immer wieder Gespräche geführt werden oder der Beifall noch nicht verhallt ist.
Um 10 Uhr ist die Fragestunde schließlich vorbei.
Nach der Diskussion über Maßnahmen wegen der Wirtschaftskrise wird Armin Becker als ehrenamtlicher Kreisbeigeordneter vereidigt. Danach wird über das Amt des Schreibers abgestimmt.
Endlich kann ich einen Namen behalten. Andreas Stelner wird vorgeschlagen und einstimmig gewählt.
Nach zwei Stunden stillsitzen merke ich langsam, wie sich Müdigkeit bei mir breit macht. Ich finde die Debatte, die gerade geführt wird, zwar interessant aber meine Müdigkeit vermiest mir die Konzentration.
Gerade geht es um das Ziel Marburgs, im Jahre 2040 nur noch mit erneuerbarer Energie versorgt zu sein. Jede der Fraktionen hat 10 Minuten Zeit, um ihre Vorschläge und Ziele dazu vorzutragen. Es ist erstaunlich, wie lange 10 Minuten dauern können.
Einer der Sprecher merkt nach ungefähr 7 Minuten, dass er bald keine Zeit mehr hat und spricht immer schneller, damit er alles noch in seine Zeit bekommt.
Tagesordnungspunkt 6 behandelt die Kinderarmut im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Es stellt sich die Frage, wie Jugendliche aus schlechtbetuchten Familien ihre Freizeit gestalten können. Auch in den Schulen soll darauf geachtet werden, dass Klassenfahrten für alle erschwinglich sind. Man solle sich eine Jungendherberge mieten statt ein Hotel und statt nach Spanien in die Toskana fahren. Die Jugendlichen sollen auch in der Berufswahl mehr Unterstützung bekommen.
Um 11.45 Uhr macht der Vorsitzende auf den Lärmpegel aufmerksam: "Es gibt mindestens 7 Gesprächsgruppen, zwei, die telefonieren, einige, die Zeitung lesen und wenige, die mit geschlossenen Augen intensiv zuhören."
Über diese Äußerung muss ich grinsen. Die Konzentration scheint bei den Politikern auch nicht immer ganz da zu sein.
Nächster Punkt ist eine Änderung des Grundgesetzes. Danach sollen alle ausländischen Bürger bei Kommunalwahlen stimmberechtigt sein, die schon lange in Deutschland leben. Während für diese Anforderung argumentiert wird, macht sich im Saal Geflüster breit. Einiges klingt wie gelästerter Vortrag. Sehr geschäftlich! Ich finde es überhaupt erstaunlich, wie aggressiv teilweise die Worte über die Lippen der Redner kommen.
Letzter Punkt der Sitzung ist die Regelung des Milchpreises. Derzeit erhält ein Landwirt 23 Cent pro Liter Milch, den er abliefert. Die Landwirte können nicht mehr nur von der Milchproduktion leben. Viele müssen aufgeben. Die vortragende Fraktion ist also dafür, dass die Milchpreise wieder erhöht werden. Sonst ginge auch das Landschaftsbild Marburgs verloren. Dafür sind nämlich die Landwirte zuständig.
Während ich zuhöre, werde ich plötzlich von einem Mann angesprochen. Vermutlich ist es ein Politiker. Ich weiß es nicht genau. Er fragt mich, was ich mache und wie mein Eindruck von der Sitzung ist. Als ich antworte, ich fände die Themen an sich ganz spannend, meint er seinerseits, er fände es teilweise ziemliches Gelabere. Danach wünscht er mir alles Gute und geht. Ich muss wieder leise vor mich hin lachen.
Durch diese kurze Unterhaltung habe ich den Faden verloren und schnappe nur noch das Wort "Gentechnik" auf. Kurz darauf um 13.05 Uhr wird die Sitzung geschlossen.
Ich verlasse den Sitzungssaal müde und voll von neuen Eindrücken.
Ruth Arbenz
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