05.05.2009 (rar)
Ein Verbot des "6. Internationalen Kongresses für Psychotherapie und Seelsorge" hat ein Bündnis "Kein Raum für Sexismus, Homophobie und religiösen Fundamentalismus" am Dienstag (5. Mai) gefordert. Konservative evangelikale Christen wollen diese Tagung von Mittwoch (20. Mai) bis Sonntag (24. Mai) in Räumen der Stadt und der
Philipps-Universität durchführen.
Referenten sind unter anderem Therapeuten, die sich für eine "Heilung" Homosexueller aussprechen. Den Veranstaltern des Kongresses wirft das "Bündnis" deswegen vor, Homofobie zu betreiben.
Darunter versteht man „die irrationale - weil sachlich durch nichts zu begründende - Angst vor homosexuellen Menschen und ihren Lebensweisen. "Homofobie fasst die verschiedenen Formen von sozialer Ausgrenzung, Diskriminierung, Nicht-Wahrnehmung und Gewalt zusammen, mit denen Menschen oftmals aufgrund ihrer homosexuellen Lebensweise konfrontiert sind", sagt die Anti-Diskriminierungsstelle Wien dazu.
"Homofobie – und dazu gehört auch eine Heilung oder Umpolung Homosexueller - macht krank", erklärt Nora Nebenberg. "Homofobe Einstellungen im sozialen Umfeld sind wesentliche Ursache von Konflikten mit der eigenen homosexuellen
Identität. Versuche einer Therapie verstärken den Druck auf die PatientInnen– mit fatalen Konsequenzen."
Die Sprecherin des "Bündnisses" verweist dazu auf eine aktuelle Studie des University College London, die auf einer Therapeuten-Befragung basiert. "Die Studie zeigt vier wichtige Probleme auf", berichtet Nebenberg weiter.
Erstens sei festgestellt worden, "dass es immer noch TherapeutInnen gibt, die eine Therapie von Homosexualität anstreben. Zweitens, dass Konflikte mit dem sozialen Umfeld die Hauptursache für Probleme mit der eigenen Homosexualität sind. Drittens, dass eine Therapie meist aufgrund einer Verunsicherung der PatientInnen über ihre sexuelle Orientierung erfolgt. Ein expliziter Wunsch, diese zu ändern, besteht in der Regel nicht. Deshalb ist viertens eine Therapie, die Heterosexualität zum Ziel hat, als eine Form sozialer Diskriminierung zu werten, die den psychischen Stress der PatientInnen verstärkt."
Während die
Stadt Marburg und das Präsidium der Philipps-Universität keinen Grund zur Absage des Kongresses sehen, betont Nebenberg: "Homofobie ist menschenverachtendes Denken – und hat als solches in einer Universität und anderen öffentlichen Räumen nichts verloren. Homosexualität ist weder krankhaft noch einer Therapie zugänglich. Der wissenschaftliche Mainstream hat das schon vor 30 Jahren erkannt – die Evangelikalen offenbar immer noch nicht."
Auf dem Kongress wollten sie "unter dem Deckmantel von Wissenschafts- und Meinungsfreiheit reaktionäre pseudowissenschaftliche und diskriminierende Positionen verbreiten", kritisiert Nebenberg. Unterstützung erhält sie unter anderem vom Präsidenten der Fachhochschule (FH) Frankfurt, der sich in einer Pressemitteilung gegen "homofobe Beiträge" im Rahmen des Kongresses ausgesprochen hat.
Auch der Fraktionsgeschäftsführer der Grünen im Bundestag, Volker Beck, kritisiert die Veranstalter. Er plädiert dafür, drei Workshops im Rahmen des Kongresses abzusagen.
Dem "Bündnis" ist das zu wenig. "Unser Protest richtet sich explizit gegen den Kongress als ganzen", sagt Nebenberg. "Nicht drei Seminare oder ReferentInnen sind das Problem, sondern die homofobe Grundausrichtung der evangelikalen Bewegung. Statt religiös-fundamentalistischen Positionen eine Bühne zu bieten, sollten Stadt und Universität sich für Gleichberechtigung und die Bekämpfung von Homofobie einsetzen", fordert Nebenberg weiter.
pm: Bündnis "Kein Raum für Homofobie"
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