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Es gibt Schuldige


Peter Kochanski referierte über Wirtschaftsjournalismus

04.04.2009 (fjh)
"Es gibt Schuldige, erklärte Peter Kochanski. " Die Krise ist nicht vom Himmel gefallen. Sie ist von Menschen gemacht worden."
Über "Wirtschaftsjournalismus" referierte der 59-jährige Hörfunk-Redakteur am Freitag (3. April) im Rahmen des Medienforums von Arbeit und Bildung. Im Mittelpunkt seines Vortrags in der Volkshochschule Marburg stand die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise.
Als deren Verursacher hat der Wirtschaftsjournalist Akteure wie den Deutsche-Bank-Vorstandsvorsitzenden Josef Ackermann ausgemacht. Dessen Ankündigung einer Eigenkapitalrendite von 25 Prozent sei maßlos und unverantwortlich gewesen, befand Kochanski. Es seien "die Ackermänner" gewesen, die mit derartigen Vorstellungen die Wirtschaft in die Krise hineingetrieben hätten.
Seit 1977 arbeitet Kochanski als Wirtschaftsjournalist. Nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt hatte er während eines Jobs Geschmack an diesem Metier gefunden. Nach verschiedenen Stationen bei Tageszeitungen und Fachzeitschriften kam er Ende der 80er Jahre zum Hessischen Rundfunk (HR). Hier arbeitet der gebürtige Frankfurter seither freiberuflich in der Börsen-Berichterstattung.
Bereits 2004 habe er in einem Kommentar vor Auswüchsen eines überzogenen Gewinnstrebens gewarnt, berichtete Kochanski. Wenn beispielsweise die Deutsche Bank ein hervorragendes Ergebnis erzielt habe, doch gleichzeitig mit dessen Bekanntgabe die Entlassung von 3.000 Beschäftigten ankündigte, dann könne er das nicht nachvollziehen.
Mittlerweile dächten Wirtschaftsjournalisten im Kollegenkreis über grundlegende Fragen nach. Eine davon sei beispielsweise: "Wie viel Rendite verträgt die Wirtschaft?"
Die Gier zahlreicher Akteure habe das Vertrauen in die Wirtschaft und insbesondere in die Finanzwelt erheblich erschüttert. Inzwischen trauten die Banken selbst untereinander nicht mehr über den Weg. Niemand wisse, wie viele "giftige Papiere" die andere Bank noch in ihren Bilanzen versteckt habe, erklärte Kochanski.
Derartige Derivate, Schuldverschreibungen und andere abgeleitete Titel hätten maßgeblich zur Finanzkrise beigetragen, die nun auch schon auf die sogenannte "Realwirtschaft" übergegriffen hat. Etliche dieser Papiere seien "erfunden" worden, um andere Marktteilnehmer vorsätzlich über deren Wertgehalt in die Irre zu führen. Niemand habe diese Titel wirklich verstanden, außer ihren Urhebern.
Stark beigetragen zu dieser Entwicklung haben nach Kochanskis Einschätzung auch die Vorstellungen des Ökonomen Milton Friedman. Er habe die uneingeschränkte Freiheit der Märkte eingefordert und damit eine Regulation durch den Staat zurückgedrängt.
Als Reaktion auf die Krise feierten nun aber die Positionen von John Maynard Keynes fröhliche Urständ. Keynes postuliert im Fall einer Rezession die Erhöhung der Nachfrage durch staatliche Investitionen.
Eine Umsetzung dieser Forderung seien die in verschiedenen Ländern aufgelegten Konjunkturprogramme, die weltweit mehr als 2 Billionen Dollar in die Wirtschaft pumpen. Hinzu kommen noch einmal mehr als 500 Milliarden, um die das Budget des Internationalen Währungsfonds (IWF) nach Beschlüssen des G20-Gipfels in London aufgestockt werden soll.
Dergleichen sei noch vor Jahresfrist unter der damaligen Vorherrschaft der neoliberalen Ideen Friedmans undenkbar gewesen. Doch jetzt rücke sogar eine Verstaatlichung von Banken durch zwangsweise Enteignung selbst in Deutschland in die Nähe einer Realisierung.
Ob die - angesichts der Krise großzügig aufgelegten - Konjunkturpakete wirklich wirken, war in der Diskussion zwischen den Teilnehmern des Medienforums und dem Referenten umstritten. Manche sahen in der sogenannten "Abwrackprämie" beispielsweise nur ein "Strohfeuer", dem später ein tiefes konjunturelles Tal bei der Nachfrage nach neuen Autos folgen könne.
Kochanski hingegen hofft darauf, dass mit derartigen Investitionen "die konjunkturelle Delle" überstanden werden kann, nach der die Nachfrage dann aus eigenem Antrieb wieder einsetzt. Allein schon angesichts der gigantischen Summen in den Programmen müssten sie irgendwann Wirkung zeitigen, erwartet der Diplom-Kaufmann.
Für ungerecht hält er allerdings die Unterstützung der maroden Hypo-Real-Estate (HRE) in dreistelliger Milliardenhöhe, wohingegen Opel bislang nicht ohne Vorbedingungen auf staatliche Hilfe hoffen könne. Dabei sei die Rüsselsheimer Automobilfabrik selbst eigentlich gesund. Ihre Schieflage sei allein Problemen des US-amerikanischen Mutterkonzerns General Motors (GM) geschuldet.
Weitere Massenentlassungen beispielsweise nach einer Liquidierung von Opel würden die Spirale sinkender Kaufkraft jedoch noch weiter in die Tiefe treiben und die schwächelnde Konjunktur mit sich hinab ziehen. Deswegen sei eine Ankurbelung der Binnen-Nachfrage wichtig, erklärte Kochanski.
Jeder Einzelne könne seinen Beitrag dazu leisten. Eine wichtige Handlungsperspektive sieht der Diplom-Kaufmann und geprüfte Börsenhändler zudem in einer gezielten Entscheidung darüber, wem man sein Erspartes anvertraut: "Schauen Sie ganz genau, wem Sie ihr Geld geben und was er damit macht!"
Ethische und ökologische Geldanlagen seien eine Möglichkeit, "den Ackermännern" Grenzen zu setzen. "Man wird dann vielleicht nicht acht oder zehn Prozent Zinsen erhalten, aber man kann nachts mit ruhigem Gewissen schlafen."
Franz-Josef Hanke
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