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Misshandlungs-Fälle gestiegen


Vervierfachung der Kindesgefährdungen seit 2005

15.02.2008 (sts)
Ob Kevin aus Bremen, Mehmet aus Zwickau, Lea-Sophie aus Schwerin oder Jacqueline aus Bromskirchen - die Fälle von Kindesmisshandlung und –vernachlässigung mit Todesfolge reißen nicht ab. Auch in Marburg steigt die Zahl von Meldungen über Kindeswohl-Gefährdungen dramatisch an: Von 19 im Jahre 2005 auf 77 im vergangenen Jahr.
Der Fachdienst-Leiter für Soziale Leistungen der Stadt Marburg stellte diese Zahlen am Donnerstag (14. Februar) dem Jugendhilfe-Ausschuss des Stadtparlaments vor. Das Jugendamt sei "personell an die Grenzen des Machbaren" gelangt, plädierte Peter Schmidt zudem für zusätzliche Stellen im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD).
Die stark steigende Zahl von Meldungen sei einerseits auf eine "neue Kultur des Hinsehens" zurückzuführen, zum anderen aber auch Ergebnis des Anstiegs sozialer Problemlagen, heißt es in Schmidts Bericht. Zum überwiegenden Teil gingen die Kindesgefährdungen von Vernachlässigung und körperlicher Gewalt aus. In jedem fünften Fall war die Suchtproblematik beider Eltern oder eines Elternteils eine wesentliche Ursache der Vernachlässigung.
Besonders betroffen sind vor allem jüngere Kinder. Am stärksten trifft es die Gruppe der Null- bis Dreijährigen.
In gut der Hälfte der gemeldeten 149 Fälle zwischen 2005 und Januar 2008 waren Kinder allein erziehender Elternteile gefährdet. Ein Drittel der Fälle betraf Familien mit Migrations-Hintergrund.
"Gerade in Aussiedler-Familien werden noch Erziehungsstile gepflegt, die hier in Deutschland vor 50 Jahren üblich waren, mittlerweile aber als Kindesmisshandlung angesehen werden“, erläuterte Schmidt eine Ursache für die hohen Fall-Zahlen in diesem Bereich.
Anhand zweier Beispiele machte Schmidt deutlich, wie langwierig und mühsam diese Fälle von Kindeswohl-Gefährdungen zu bearbeiten sind. Oftmals fehle bei den Eltern überhaupt ein Problem-Bewusstsein. Hilfestellungen würden abgelehnt, Mitarbeiter des Jugendamtes beschimpft oder bedroht. Oft blieben dann nur noch der Weg zum Familiengericht und die In-Obhut-Nahme des betroffenen Kindes.
Die Personalsituation beim ASD sei aber nicht nur durch die Vielzahl von Meldungen angespannt, sondern auch durch die rechtliche Vorgabe des "Vier-Augen-Prinzips“. Das bedeutet, dass jeder neue Fall von mindestens zwei Fachkräften des Jugendamts bearbeitet und dokumentiert werden muss. Damit sollen Fehleinschätzungen vermieden werden.
Dieses Vorgehen sei inhaltlich richtig und notwendig, erfordere aber "die Verstärkung der personellen Ressourcen im ASD", wie es abschließend im Bericht heißt.
Laut Auskunft einer Mitarbeiterin sei die Situation aber noch deutlich dramatischer, da zwei Fachkräfte aus Krankheitsgründen längerfristig ausfallen. Gerade in der "heißen" Melde-Zeit von Oktober bis Weihnachten 2007 habe eine totale Überlastung der Mitarbeiter geherrscht.
Fehler könnten dann nicht mehr ausgeschlossen werden. Da mit weiter steigenden Fall-Zahlen zu rechnen sei, müssten dringend neue Fachkräfte eingestellt werden.
Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne) versprach, in dieser Hinsicht "den Arbeitsbereich des ASD genau zu beobachten". Derzeit ist eine auf sechs Monate befristete zusätzliche Stelle in der Diskussion.
Stephan Sonntag
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