12.01.2009 (fjh)
"Mir graut davor, dass meine Mails alle gespeichert werden." Die Vorratsdatenspeicherung betrachtet Prof. Dr. Heinrich Dingeldein als unverhältnismäßigen Eingriff in die Freiheitsrechte der Bürger. "Ein halbes Jahr lang bleiben alle Verbindungsdaten gespeichert, und das auch noch bei einer privaten Firma! Wer weiß, was damit geschieht?"
Der Einsatz für die Rechte der Bürgerinnen und Bürger ist ein Schwerpunkt von Dingeldein. Zur Landtagswahl am Sonntag (18. Januar) bewirbt sich der 55-jährige Sprachwissenschaftler als
Direktkandidat im Wahlkreis 13 für die Freie Demokratische Partei (FDP).
Aussichten auf ein Mandat im Hessischen Landtag hat er praktisch nicht. Doch Dingeldein pflegt mit dieser Kandidatur gleich zwei seiner Hobbys: "Ich liebe den Umgang mit Menschen", erklärt er. Seit seiner Habilitation ist er zudem in der FDP aktiv.
Geboren wurde Dingeldein in einem winzigen Dorf im Odenwald. "Ich stamme aus einer liberalen Familie", berichtet er. Seine Eltern betrieben eine Landwirtschaft.
Bereits mit 17 Jahren machte der Bauernbursche sein Abitur. Anschließend nahm er in Frankfurt ein Theologie-Studium auf. Nebenbei musste er immer auf dem elterlichen Hof bei Michelstadt mitarbeiten. Nach eineinhalb Jahren Studium wechselte er nach Marburg. Gleichzeitig nahm er weitere Fächer hinzu. Neben Pädagogik und Germanistik für das Lehramt waren das auch Europäische Ethnologie und Linguistik.
Heute befasst sich Dingeldein beim Deutschen Sprachatlas mit den hessischen Mundarten. Sein Schwerpunktthema aber ist die Erforschung der Alltagssprache. Neben Untersuchungen des Deutsch der Banater Schwaben in Rumänien beschäftigt er sich auch mit dem Jargon der Subkulturen in Deutschland.
Schon zu Beginn seines Studiums hat Dingeldein erkannt, dass er ein Talent für Sprachen besitzt. Heute spricht er sieben Sprachen mehr oder weniger fließend. Drei weitere Sprachen – Griechisch, Latein und Hebräisch – beherrscht er nur als Schriftsprache.
Als ehemaliger Vizepräsident der
Philipps-Universität und als Wissenschaftler ist ihm die Bildung ein wichtiges Anliegen: "Die Einführung der Bachelor- und Master-Studiengänge war der größte Unsinn."
Früher habe er mit seinen Studierenden Feldforschung in den hessischen Dörfern betrieben. "Sie haben Menschen befragt und deren Sprache aufgenommen. So haben sie die Struktur von Sprache erarbeitet."
Heute hingegen trage er in seinen Vorlesungen nur den Text seines Lehrbuchs vor. "Ein Seminar für 25 Leute geben wir von vornherein mit 35 Plätzen an. Beworben haben sich dafür aber gut 95 Studenten."
Längst platze die Uni aus allen Nähten. "Sie ist für 12.000 Studierende ausgelegt, aber es sind 20.000 eingeschrieben", klagt Dingeldein.
Mehr Geld und mehr Qualität für die Bildung möchte der Hochschullehrer auch dadurch heranholen, dass er Marburg als Teil des Rhein-Main-Gebiets betrachtet: Die viel gepriesene Zusammenarbeit von Marburg, Gießen und Wetzlar hält er für eine Sackgasse. "Tagtäglich fahren 20.000 Pendler aus dem
Landkreis Marburg-Biedenkopf nach Frankfurt. Warum sollen nicht auch 10.000 Studierende aus dem Rhein-Main-Gebiet nach Marburg kommen?"
Während die 40.000 Studierenden der
Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt zu 80 Prozent aus der Rhein-Main-Region stammen und zu 60 Prozent Heimschläfer sind, stammen nur 40 Prozent der 20.000 Marburger Studierenden überhaupt aus Hessen, erläutert Dingeldein: "Die Uni Marburg ist also so attraktiv, dass viele von weit her kommen, um hier zu studieren. Bei den Mittelzuweisungen wird das bisher aber nicht berücksichtigt."
Der Ausbau der Verkehrswege ist dem liberalen Politiker ein weiteres Anliegen: "Ein drittes Gleis auf der Main-Weser-Bahn wäre wichtig. Darüber hinaus müsste man vielleicht auch an einigen Stellen über die Trassierung nachdenken", meint er.
Aber auch Straßen möchte Dingeldein ausbauen: "Die A49 und eine bessere Anbindung des Hinterlands bei Bidenkopf wären wichtig, um die günstige Entwicklung der Arbeitslosigkeit in der Region zu sichern. Allerdings bin ich gegen die A4!"
In der Wirtschaftspolitik verlässt sich der Odenwälder auf die Fachkompetenz von Parteifreunden. Allerdings hat er Probleme mit dem, was derzeit als "neoliberal" angeprangert wird: "Das ist keine Marktwirtschaft, sondern purer Kapitalismus", schimpft er. "Marktwirtschaft setzt die Gleichheit der Marktkräfte voraus. Sie bedarf lenkender Strukturen, die den Wettbewerb schützen."
Staatliche Eingriffe sollte die Gesellschaft aber immer auf das notwendige Maß beschränken, findet der FDP-Kandidat: "Wir sollten dem Staat das zugestehen, was er braucht, um seine Aufgaben zu erfüllen, aber nicht mehr."
Die Freiheitsrechte dürfe man dabei nicht aufs Spiel setzen, findet Dingeldein: "Es gibt keine absolute Sicherheit. Leben beinhaltet immer auch Gefahren."
Franz-Josef Hanke
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