08.02.2008 (sts)
Es gab einmal eine mäßig erfolgreiche Fernsehsendung namens "Koffer Hoffer". Moderiert wurde sie von Karl Dall. Dort wurden vergessene und liegen gelassene Koffer meistbietend unter den Zuschauern versteigert. Der Gag an der Sache war: Keiner wusste vorher, was sich in den Koffern befand. Man kaufte also die sprichwörtliche Katze im Sack.
So ähnlich geht es auch den Besuchern eines Varietés. Jedenfalls ist das normalerweise so. Bei der fünften Auflage des ZAC-Wintervarietés in der
Waggonhalle am Donnerstag (7. Februar) war aber schon im Vorhinein eines anders: Das Risiko, mit der Katze im Sack doch ungewollt den fabulösen dreibeinigen Hasen erwischt zu haben, ist äußerst gering. Die von Horst Lohr alias "Zauberer Juno" zusammengestellten Nummernprogramme bürgen einfach für Qualität.
Wie der Name "Varieté" schon sagt, ist die bunte Vielfalt des Programms ausschlaggebend für Qualität und Erfolg. Da ist es immer gut, erst einmal eine wunderschöne Frau auf die Bühne zu lassen wie die Schwedin Cecilia Hedlund. Nicht als Revue-Girl, sondern als Equilibristin - als Gleichgewichtskünstlerin - trat sie auf, die mit ihren zierlich anmutenden Armen auf schier turmhohen Stuhl-Konstruktionen einhändig thronte und sich auf einer Hand drehte: Kraft und Balance gepaart mit Anmut und Grazie.
Die wohlfeile Ästhetik wurde dann jäh gebrochen: Quietschend, knirschend, jaulend und quäkend betrat Fabien Kachev die Bühne. Der französische Pantomime erzählte Geschichten, ohne verständliche Worte zu gebrauchen. Das gelang ihm nur mit Gestik und Mimik, vor allem aber mit Geräuschen.
Beim Jagdausflug erlegte er auf grausame Weise einen Frosch, erschoss dann versehentlich seinen Jagdhund, um schlussendlich auch noch einen friedliebenden Außerirdischen kurzerhand abzuknallen. Man muss schließlich jagen, was gerade zu haben ist.
Nach soviel unnötiger Gewalt musste nun ein echter Ehrenmann auf die Bühne. DieserGentleman war der Jongleur Jeton. Ob Bälle, Billardqueues oder gar einen Spiegel – es scheint nichts zu geben, was dieser Mann nicht beständig mit Händen, Füßen oder Nase in der Luft halten kann.
Als Highlight präsentierte er eine Nummer des deutschen Jongleur-Urgesteins Rudy Horn: Von seiner Fußspitze warf Jeton abwechselnd Kaffeetassen und Untersetzer in die Luft, um sie auf seinem Kopf zu stapeln. Natürlich vergaß er auch nicht, den dazugehörigen Löffel und ein Zuckerstück hinzuzufügen. Chapeau Jeton!
Und plötzlich stand jemand ganz ungewollt auf der Bühne: Hausmeister Stanke. Sichtlich verunsichert versuchte er dann einfach mal, seinen unhandlichen Teppich über die etwas hohe Reckstange zu hieven, um ihn auszuklopfen. Fast zwanzig Minuten dauerte sein akrobatischer Slapstick-Kampf mit Teppich, Leiter und seinen vermaledeiten Hosenträgern. Wie ein betröpfelter Pudel musste Stanke sein Unterfangen schließlich aufgeben. Aber das Publikum johlte.
Zeit also, die Gemüter wieder anderweitig zu berauschen: Irrsinnig schnell tanzte Bianca mit und um ihr Vertikalseil am Firmament des künstlichen Sternenhimmels. Mehrmals schien sie hinabzustürzen, doch wundersamer Weise fing ihr Seil sie immer wieder sicher auf. Es war ein Zaubertanz voller Leichtigkeit, schwebend auf den Wogen der indianischen Klang-Untermalung.
Dann war es vorbei. Plötzlich und abrupt verschloss sich die Varieté-Wundertüte wieder. Doch keine Sorge: Das ZAC-Wintervarieté ist bis Sonntag (17. Februar) noch sechs Mal in der Waggonhalle zu sehen.
Stephan Sonntag
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