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Horizonte


Rolf Küpper wurde mit 55 Jahren arbeitslos

03.02.2008 (sts)
Rolf Küpper hat was von einem Seemann. Sein Haar ist weiß. Erträgt einen Bart. Da fehlt eigentlich nur noch die Kapitänsmütze.
"Ich bin gefühlter Norddeutscher", sagt der gebürtige Niedersachse selbst. Küpper ist 56 Jahre alt. Er hat Metallfacharbeiter gelernt und Sozialpädagogik studiert.
Er schätzt gutes Essen und guten Wein. Außerdem spielt er Dudelsack. 2007 ist er arbeitslos geworden. Eigentlich wäre das kein Stolperstein für einen Mann, der hoch qualifiziert, motiviert und erfahren ist.
Zumal er im Laufe seines Berufslebens häufig den Arbeitsplatz gewechselt hat, ist er vielleicht darin auch einem Seemann ähnlich, der ja auch auf immer neuen Schiffen anheuert: Küpper war Geschäftsführer einer Jugendwerkstatt in Hannover, Kinderheim-Leiter in Limburg, Gastdozent an der Fachhochschule Frankfurt und seit über 30 Jahren in verschiedenen Einrichtungen in Marburg tätig.
Er ist also kein Mann, dem bei Verlust des Arbeitsplatzes gleich bange wird. Doch dieses Mal war etwas anders: "Aufgrund meines Alters wollte mich niemand mehr einstellen."
Das war eine neue und negative Erfahrung für ihn. Und das Damoklesschwert mit Namen "Hartz IV" schwebte bereits über ihm.
Von der Arbeitsagentur bekam er im Mai 2007 den Rat, doch am "Horizonte-Programm" des Rationalisierungskuratoriums der Deutschen Wirtschaft (RKW) teilzunehmen.
Küpper war skeptisch: "Bewerbungstrainings sind eigentlich Quatsch, jedenfalls wenig effektiv." Dennoch ging er eine Woche später zu einem Informationstag. Dort wurde das Programm in buntesten Farben gepriesen als "Innovationsfabrik", die stellensuchende Fach- und Führungskräfte dabei unterstützt, neue Wege zu gehen, eigene Geschäftsideen zu entwickeln und diese umzusetzen.
"Alles Augenwischerei. Ich hatte erhebliche Zweifel an diesem Konzept und habe abgesagt“, war Küppers Reaktion.
In den folgenden Tagen sprach er mit verschiedenen Leuten, die mit "Horizonte" entweder als Teilnehmer oder als Berater in Kontakt gekommen waren und erhielt ausschließlich positive Rückmeldungen. Da entschloss er sich dann doch noch, an dem Programm teilzunehmen.
Das war "eine wirklich kluge Idee", findet Küpper heute.
Eine Woche lang waren 20 Teilnehmer im Vogelsberg-Kreis, um sich kennen zu lernen und unter Anleitung von zwei Coaches Kommunikationsregeln für eine effektive Zusammenarbeit festzulegen. "Eine positive Haltung entwickeln, Vertrauen gewinnen", seien die ersten Schritte gewesen.
Anschließend fuhr Küpper fünf Monate lang tagtäglich nach Gießen, wo sich die Gruppe immer von 9 bis 17 Uhr in einem weitgehend leeren Großraumbüro traf. Insgesamt musste Küpper einen Eigenanteil von 400 Euro sowie seine Fahrtkosten selbst bezahlen.
"Der erste Tag stand ganz im Zeichen der Selbstorganisation. Wir mussten untereinander festlegen, was wir im Büro brauchen, um uns wohlzufühlen. Alle Arbeiten wurden verteilt. Am Ende des ersten Tages war der gesamte Alltagsablauf organisiert.“
Die strikten Kommunikationsregeln mit der Konzentration auf das Wesentliche - die Lösung - verzeichneten erste Erfolge. Danach begann die eigentliche Projektarbeit: "Wir haben Persönlichkeits- und Fähigkeitsprofile entwickelt. Die Grundfrage lautete: Wofür brennst du? Woran hast du Spaß? Was ist dein Ziel?"
In dieser sehr intensiven Betreuungsphase sei man "gnadenlos konstruktiv" gewesen. Man habe die Vereinzelung der Teilnehmer aufgebrochen und ein Netzwerk aufgebaut. Das sei allseits vom "Duft des Neuen" umwoben gewesen.
Küppers erste Idee war die Eröffnung eines deutschen Spezialitätengeschäfts mit angeschlossenem Restaurant im Ausland, am liebsten in England. Er stellte sein Projekt vor und richtete Fragen an die Teilnehmer, wie beispielsweise: "Welche Produkte sollten dort angeboten werden?“ oder "Wie sollte das Ambiente gehalten sein?"
Die Antworten wurden ihm in Form kleiner „Post-its“ an eine Pinnwand geklebt. In zehn Minuten erhielt Küpper auf diese Weise hundert Ideen.
"Da waren natürlich auch unsinnige Vorschläge dabei, dass beispielsweise die Bedienungen alle Dirndl tragen sollten. Doch die meisten Ideen waren äußerst konstruktiv."
Nach dem Ideen-Sturm ging es in die nächste Projektphase. 15 bis 20 Fachleute für eine Geschäftsidee vom Gastronomen über den Finanzexperten bis zum Juristen wurden nach Gießen eingeladen, um die einzelnen Projektideen auf ihre Praxis-Tauglichkeit hin zu überprüfen und gegebenenfalls Verbesserungsvorschläge zu machen.
Nach und nach entwickelte sich Küppers Idee auf diese Weise fort. Am Ende von "Horizonte" steht nun sein "Blauer Elefant". Dabei handelt es sich um ein Bio-Restaurant in Marburgs Südstadt. Der Name stammt übrigens aus Küppers Faible für "Die Sendung mit der Maus".
Im März will Küpper eröffnen. "Ich richte mich in erster Linie an Leute, die in gewisser Ruhe ein gutes Bier oder einen guten Wein trinken wollen. Es wird ein überschaubares Essensangebot geben, dafür aber immer wieder besondere Spezialitäten", beschreibt Küpper seine Umsetzungspläne.
Doch natürlich hat er noch mehr Ideen und will den "Blauen Elefanten" um kulturelle Angebote ergänzen: Foto-Ausstellungen, kleine musikalische Darbietungen und spezielle kulinarische Abende mit landestypischen Speisen und einem dazugehörigen Gastkoch.
Kurz vor der Realisierung seines Traums zieht Küpper ein erstes Resümee: "Ich habe eine neue Orientierung gefunden, eigene Horizonte entdeckt, insofern passt der Name ganz gut. Ich profitiere noch immer von der Zusammenarbeit. Das war für mich eine wirklich lohnenswerte Geschichte."
Und vielleicht ist Rolf Küpper beim ersten ostfriesischen Abend im "Blauen Elefanten" dann auch wirklich mit Kapitänsmütze hinterm Tresen zu sehen.
Stephan Sonntag
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