06.12.2016 (fjh)
Seit Ende 2015 werden im KreisJobCenter (KJC) zwei weitere Arbeitsmarktprogramme zum Abbau von Langzeitarbeitslosigkeit im
Landkreis Marburg-Biedenkopf umgesetzt. Die beiden Projekte "Soziale Teilhabe am Arbeitsmarkt" und "Abbau von Langzeitarbeitslosigkeit" haben Auswirkungen auf die Integrationsquote der Langzeit-Leistungsbezieher, bewirken einen größeren finanziellen Spielraum für aktive Arbeitsmarktpolitik im Landkreis und sind Chancen für die Betroffenen.
"Mitte 2015 rief das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) zu einem Teilnahmewettbewerb der Jobcenter im Rahmen des neuen Bundesprogramms Soziale Teilhabe am Arbeitsmarkt auf", berichtete der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow. "Mit der Qualität der begleitenden Aktivitäten und der Einbindung kommunaler Leistungen überzeugte das KJC die Jury und führt seit Oktober 2015 als eines von bundesweit 105 Jobcentern das Arbeitsförderungsprogramm im Kreis durch. 75 öffentlich geförderte Beschäftigungsplätze konnten bei verschiedenen gemeinnützigen Trägern und Vereinen für langzeitarbeitslose Leistungsbezieher geschaffen werden. Bis Ende 2018 konnten so vom KJC zusätzlich Fördergelder von bis zu 3,4 Millionen Euro für die hiesigen Berechtigten eingeworben werden."
Mit dem Ende des Programms Perspektive 50plus "ComeBack
at 50" im Dezember 2015 wurde das erfahrene Personal im Programm zum "Abbau der Langzeitarbeitslosigkeit" (LZA) eingesetzt. Auch hier hatte sich das KJC für die Umsetzung im Landkreis beworben, obgleich von Beginn an die vorliegenden Förderrichtlinien und Rahmenbedingungen einen offensichtlich hohen Verwaltungsaufwand erahnen ließen.
Beide Projekte ermöglichten es, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung im Landkreis zu fördern und setzten eine freiwillige Teilnahmeentscheidung der Leistungsbezieher voraus. Während das LZA-Programm vor allem durch hohe Lohnkostenzuschüsse die Arbeitgeber fördert, unterstützt ein beschäftigungsbegleitendes Coaching die Nachhaltigkeit der Arbeitsaufnahmen der ehemaligen Langzeitarbeitslosen.
Im Programm "Soziale Teilhabe" werden Arbeitsverhältnisse gefördert, die zusätzlich, wettbewerbsneutral und im öffentlichen Interesse liegen. Der Fokus in diesem Programm liegt vor allem auf der eingeschränkten Leistungsfähigkeit der Teilnehmenden.
Dabei wurden Beschäftigungen mit unterschiedlicher Wochenarbeitszeit geschaffen sowie die Möglichkeit einer stufenweisen Erhöhung der Wochenarbeitszeit über die gesamte Beschäftigungslaufzeit von maximal drei Jahren. Teilnahmevoraussetzung für SGB II - Bezieher war neben dem Langzeit-Leistungsbezug von mindestens vier Jahren entweder gesundheitliche Einschränkungen oder ein Zusammenleben mit minderjährigen Kindern.
Aus den Erfahrungen des LZA-Programms wurden die Teilnehmenden im Projekt Soziale Teilhabe im ersten Beschäftigungsjahr durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des KJC sowohl in Einzelgesprächen als auch durch Gruppenangebote begleitet. Themen wie Rollenverständnis, formale und informelle Regeln im Betrieb sowie Gesundheit am Arbeitsplatz wurden gemeinschaftlich erarbeitet und diskutiert. Ziel der beschäftigungsbegleitenden Aktivitäten ist, die Arbeitsfähigkeit der Teilnehmenden zu stabilisieren oder auszubauen und die Chancen auf eine Beschäftigung am allgemeinen Arbeitsmarkt zum Ende des Programms zu verbessern.
Die meisten der Beschäftigten sind mittlerweile seit einem Jahr erfolgreich in Arbeit. Für viele der Arbeitnehmer ist das Programm die Chance, am Arbeitsmarkt wieder teilzuhaben.
In einigen Fällen wurden durch das Programm Arbeitsgelegenheiten in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung umgewandelt. Die Arbeitsaufgaben sind dann manchmal die gleichen geblieben; die eigene Wahrnehmung hat sich aber drastisch verändert.
Für jeden persönlich ist es ein Unterschied, ob er einen "Ein-Euro-Job" hat oder eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Das diese öffentlich gefördert ist, ist dann nebensächlich, machte ein Teilnehmer bei den Gruppenveranstaltungen deutlich.
Drei Projektbeteiligte berichteten aus ihren Erfahrungen. Mehmet Kirok zog einen Vergleich zum Film "Zeit des Erwachsens“" und sagte: "Ich bin durch das Projekt Soziale Teilhabe wach geworden und sehr dankbar für diese Möglichkeit, an dem Projekt teilzunehmen."
Der 37-jährige Deutsche kurdischer Abstammung arbeitet jetzt bei der Kirche in Lahntal und kümmert sich dort um die neu zugewiesenen Flüchtlinge. Diese Arbeit bereitet ihm viel Spaß.
"Diese Arbeit hat mich gerettet", betonte die aus Moskau stammende 58-jährige Galina Kreyndlina. Die gelernte Mathematiklehrerin gibt jetzt für Russisch sprechende Menschen bei Integral Deutschkurse und unterstützt dort in der Büroarbeit. Nach langer Arbeitslosigkeit aufgrund der Pflege von Familienangehörigen verdeutlicht sie jetzt, wie wichtig die Arbeit für sie ist: "Ich fühle mich wieder nützlich und bin dafür sehr dankbar."
Der 62 Jahre alte gelernte Maler und Lackierer Robert Schwab, der jetzt nach 35 Jahren Berufserfahrung in einer Produktionsschule von Arbeit und Bildung mit Schülern handwerklich arbeitet, brachte es für sich auf den Punkt: "Für mich ist das wie ein Sechser im Lotto. Es macht mir viel Spaß und ich kann viel geben, bekomme aber von den Kindern auch viel zurück."
Das seien "drei Beispiele, die zeigen, dass es sich lohnt, für solche Programme zu kämpfen, um Menschen wieder in Arbeit zu bringen", sagte Zachow. Die Beteiligung des KJC an allen Projekten, die von unterschiedlichen Bundes- und Landesministerien ausgeschrieben wurden und das Zusammenwirken aller Fachdienste im KJC bewirkt, dass sich die erfolgreiche Umsetzung auch in den Kennzahlen wie der Integrationsquote der Langzeit-Leistungsbezieher deutlich niederschlägt. So wurde die Quote von November 2015 mit 18,5 Prozent bis zum April 2016 auf 20,5 Prozent kontinuierlich gesteigert.
"Der zeitliche Zusammenhang zwischen den Ergebnissen der Projekte und der Veränderung der Integrationsquote ist in dieser Deutlichkeit nicht erwartet worden", erklärte die KJC-Leiterin Andrea Martin. "Umso mehr ist das ein Ansporn für unsere Arbeit, jede Chance zur Ausweitung der finanziellen Mittel durch Projektarbeit zu nutzen."
Mit dem Jahreswechsel 2016/2017 hat das BMAS eine Ausweitung des Programms "Soziale Teilhabe" auf weitere 90 Jobcenter beschlossen. "Aufgrund der positiven Erfahrungen, die wir bisher mit dem Programm machen konnten, freuen wir uns sehr, dass das KJC weitere 25 Beschäftigungsplätze vom BMAS aktuell genehmigt bekommen hat", erklärte Zachow und gab damit noch einen Ausblick auf die weitere Arbeit des Programms im Landkreis.
Zusätzliche Fördermittel in Projekten erhöhen den Anteil der Mittel, die für weitere Zielgruppen zur Verfügung stehen. Außerdem ermöglicht die Arbeit in Projekten auch die Auseinandersetzung mit ungewöhnlichen Themen jenseits der Arbeitsroutine. So hat sich das KJC in seinem Konzeptantrag "Soziale Teilhabe" die Entwicklung eines Gütesiegels zur Förderung psychosozialer Gesundheit für arbeitsmarktliche Maßnahmen zum Ziel gesetzt.
Gesundheitliche Einschränkungen als Folge der Arbeitslosigkeit oder Arbeitslosigkeit als Folge von physischen und psychischen Einschränkungen sind ein wichtiges Thema, das sowohl Arbeitslose als auch die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des KJC zunehmend betrifft. Wie Fallmanager, Dienstleister von Arbeitsmarktmaßnahmen und direkt Betroffene mit psychosozialen Belastungssituationen umgehen können und welche Rahmenbedingungen oder Inhalte gesundheitsfördernd sind, soll mit allen Beteiligten diskutiert werden.
pm: Landkreis Marburg-Biedenkopf
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