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Blinde Flecken


Neue Broschüre über die BliStA in der NS-Zeit

08.11.2016 (fjh)
"Die BliStA in der NS-Zeit" ist der Titel einer neuen Broschüre zum 100-jährigen Bestehen der Deutschen Blindenstudienanstalt (BliStA). Stadträtin Dr. Kerstin Weinbach, BliStA-Direktor Claus Duncker, Kulturamtsleiter Dr. Richard Laufner und zwei Autoren von der Geschichtswerkstatt Marburg stellten neue Forschungsergebnisse zu diesem Thema am Montag (7. November) im vollbesetzten Historischen Saal des Rathauses vor.
In der Broschüre stellt Dr. Klaus-Peter Friedrich einen Lehrer und zwei Schüler der BliStA vor. Anhand ihrer Lebensläufe skizzierte der Historiker kurz die unterschiedlichen Herangehensweisen an die nationalsozialistische Gewaltherrschaft und das spätere Verhältnis zum BliStA-Direktor Prof. Carl Strehl.
Von 1923 bis 1973 war Dr. Friedrich Mittelsten Scheid Lehrer an der Marburger Blindenschule. Seine Position im Vorstand der BliStA räumte er nach einem intensiven Gespräch mit Strehl, um diesen Platz frei zu machen für einen Unterstützer des Nazi-Regimes. Mit seinen eigenen moralischen Vorstellung konnte der blinde Mathematiklehrer einen Eintritt in die Nationalsozialistische deutsche Arbeiter-Partei (NSdAP) nämlich nicht vereinbaren.
Eine Beteiligung engagierter Nazis hielt Strehl jedoch für unvermeidlich, um der BliStA staatliche Zuwendungen und ihre pädagogische Unabhängigkeit zu sichern. Immerhin bezog die Bildungseinrichtung gut 40 Prozent ihrer Finanzmittel aus staatlichen Quellen.
Während der Nazi-Zeit und auch nach Kriegsende führte Mittelsten Scheid seine Lehrtätigkeit an der BliStA ungebrochen fort. Auch sein Verhältnis zu Strehl hat während dieser Zeit offenbar nicht gelitten.
Ähnliches gilt für den jüdischen Schüler Willi Breslauer. Nachdem er Deutschland verlassen und in der Schweiz sowie Frankreich die Nazi-Diktatur überlebt hatte, nahm er unmittelbar nach Kriegsende wieder Kontakt zu Strehl auf und blieb ihm bis zu seinem Tod in regelmäßiger Briefpartnerschaft verbunden.
Anders hingegen verhielt es sich mit der jüdischen Schülerin Emma Saludok. Sie war die erste Blinde, die in Marburg promoviert wurde.
Vor der Nazi-Diktatur floh sie nach Israel, wo sie am Jewish Institute for the Blind (JIB) in Jerusalem wichtige pädagogische Akzente setzte. Kontakte zwischen ihr und Strehl oder der BliStA nach dem Kriegsende sind nicht bekannt. Ihre herausragende Bedeutung für das Blindenwesen werde von der Blindenselbsthilfe in Deutschland bis heute nicht angemessen gewürdigt, fand Friedrich.
Ein Kapitel über Schüler und Mitarbeiter der BliStA im Visier der "Sozialhygiene" hat Dr. Wolfgang Form zu der Broschüre beigetragen. Er verwies auf die sogenannten "Erbgesundheitsgerichte", die die Sterilisierung "erbkranker" Personen anordnen konnten. In Marburg habe es allerdings nur sieben Verfahren zu Blinden gegeben, da die meisten BliStA-Schüler solche Verfahren an ihren Herkunftsorten durchlaufen mussten.
Zudem habe die BliStA von genetisch belasteten Blinden bereits vor einer Aufnahme den Nachweis der Sterilisierung verlangt. Form berichtete von einem Fall, wo eine blinde Schülerin schwanger wurde und anscheinend deswegen von der BliStA entfernt wurde.
In den Vorstand der BliStA berufen worden war zwischenzeitlich auch Prof. Wilhelm Pfannenstiel. Der SS-Obersturmbannführer, der 1944 sogar zum Standartenführer der Waffen-SS befördert wurde, war als medizinischer Berater unter anderem auch für das Vernichtungsprogramm "T4" verantwortlich. Zu seinen Aufgaben gehörte auch die Inspektion von Konzentrationslagern, wo er persönlich der Ermordung von Juden beiwohnte.
Nach dem Kriegsende wurde Pfannenstiel seine Professur an der Philipps-Universität entzogen und er erhielt Lehrverbot. Insbesondere seine Frau beklagte sich danach bei Strehl über dieses Schicksal, der den Kontakt zu dem überzeugten Rasseideologen auch nach Kriegsende weiterhin pflegte.
Nicht aus der BliStA hinausgedrängt, sondern "einfach nicht mehr da" sei der eigentliche BliStA-Gründer Prof. Dr. Alfred Bielschowsky gewesen. Allerdings habe die BliStA seine wichtige Rolle als Ideengeber und Förderer Strehls sehr lange nicht angemessen gewürdigt.
Eine rege Diskussion über die Frage, warum die Enthüllung einiger Details aus der NS-Zeit so lange gedauert hat, kommentierten die Autoren der Broschüre mit der Anmerkung, dass die BliStA im Vergleich zu anderen Institutionen nich spät mit der Aufarbeitung ihrer Geschichte während der NS-Zeit begonnen habe. Misslich fanden sie, dass viele Akten aus jener Zeit im Besitz der Familie Strehl sind, die sie nicht herausgibt.
Franz-Josef Hanke
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