Logo: marburgnewsMobile Marburgnews

Zum Menü

Flüchtlinge gefördert


Spies ruft zur landesweiten Einführung von Ombudsleuten auf

07.10.2016 (mah)
Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies ruft dazu auf, für geflüchtete Menschen landesweit an allen Standorten und mit den Kommunen unabhängige Ombudsleute einzusetzen. Die Universitätsstadt Marburg hat mit dem bisher einmaligen Modell der Vertrauenspersonen für die Erstaufnahmeeinrichtung im Camp Cappel ausschließlich positive Erfahrungen gesammelt.
Die Ombudsleute treten für die Interessen der vertriebenen Menschen ein, sind Ansprechpartner. Außerdem klären sie sie über ihre Rechte und Pflichten auf. Sie arbeiten unabhängig und ehrenamtlich mit einer Aufwandsentschädigung.
„Die Praxis hat ganz klar gezeigt, dass die Entsendung solch neutraler Ansprechpartnerinnen und -partner dringend nötig ist“, erklärte Spies. Gerade weil viele der geflüchteten Menschen mit Behörden aufgrund der Erfahrungen in ihrer Heimat noch Repression oder Gewalt verbinden.
„Das markanteste Beispiel dafür war für mich das Schicksal einer Frau im Camp Cappel, die mit einem gewalttätigen Mann zwangsverheiratet ist und mit ihm ihr Heimatland verlassen musste, obwohl sie das gar nicht wollte“, berichtete er. „Nach mehreren verzweifelten Selbstmordversuchen, einer bei uns in Marburg, hat die Geflüchtete, die aus ihrem Herkunftsland nur Unterdrückung kennt, schließlich allen Mut zusammengefasst und sich einer unserer Ombudspersonen anvertraut.“
Der Geschäftsstelle für Flüchtlingsbetreuung ist es gemeinsam mit dem Ordnungsamt, dem Regierungspräsidium Gießen und dem Verein „Frauenrecht ist Menschenrecht“ gelungen, die Frau in einer Schutzwohnung außerhalb von Hessen unterzubringen. Dort lebt sie nun weit weg von ihrem Peiniger gemeinsam mit anderen Frauen in ähnlicher Situation und arbeitet daran, sich ein neues, freies Leben in Deutschland aufzubauen. Einen Weg zurück in die alte Heimat gibt es nicht, denn sowohl von der Familie ihres Mannes als auch von der eigenen Familie gab es mehrfach Äußerungen, die auf eine mögliche Blutrache hindeuten.
Ein Nachbar im Camp hatte die Frau in ihrer dramatischen Lage darauf aufmerksam gemacht, dass es in Marburg neutrale Ansprechpartner völlig unabhängig von Behörden gibt. Der Zimmernachbar machte ihr Mut.
Auch wenn das Camp in Marburg aufgrund einer Entscheidung der Landesregierung und gegen Proteste vom Oberbürgermeister sowie ehrenamtlichen Helfenden im September 2016 geschlossen wurde, hält auch die Universitätsstadt selbst am Modell der Ombudsleute fest.
Denn unter den in Marburg fest lebenden Flüchtlingen gibt es großen Bedarf. „Viele Flüchtlinge warten noch auf eine Entscheidung zu ihrem Asylantrag oder es liegt ihnen ein Abschiebebescheid vor", erklärte Ombudsmann und Rechtsanwalt Karl Otto Beckmann, der diesen Betroffenen im persönlichen Gespräch erste grundlegende Tipps gibt. "Keiner dieser Menschen weiß auch nur im Geringsten, wie damit umzugehen ist.“
Aber auch eine Waschmaschine, die einem jungen Mann aus Afghanistan vertraglich vom Vermieter zugesagt war, hat den Ombudsmann schon beschäftigt. „Ehrenamtliche hatten sich bereits eingeschaltet, was den Vermieter aber nicht bewegte", schilderte Beckmann empört. "Erst eine Ombudsperson mit juristischem Hintergrund brachte die Maschine letztendlich in die Wohnung.“
„Meines Wissens sind wir weiterhin die einzige hessische Kommune, die Ombudsleute entsendet hat“, erklärte Spies weiter. Das müsse sich im Sinne der Menschen ändern, forderte er. Bewusst hat sich die Stadt Marburg dabei dafür entschieden, neben einem Mann auch eine Ombudsfrau zu berufen. Shaima Ghafury, selbst mit Migrationshintergrund, ist neben Beckmann als neutrale Ansprechpartnerin für die geflüchteten Menschen aktiv.
Die Erreichbarkeit der Ombudspersonen wird über zwei Wege gewährleistet. Alle Stellen innerhalb der Stadtverwaltung, die mit neu zugewanderten Menschen arbeiten, können die Ombudsleute bei Bedarf einsetzen und sie mit der betreffenden Person in Kontakt bringen. Auch über das städtische Zentrum für Flüchtlinge sind die Vertrauensleute unter 06421/ 201-2222 erreichbar. Dort gibt es zweimal pro Woche außerdem eine Sprechstunde, die man spontan und persönlich aufsuchen kann. Die Sprechstunde findet montags von 16 bis 17 Uhr und freitags von 14 bis 15 Uhr statt.
pm: Stadt Marburg
Text 11873 groß anzeigen

www.marburgnews.de

© 2016 by fjh-Journalistenbüro, D-35037 Marburg