23.09.2016 (fjh)
"Greift nach den Sternen!" Mit dieser Aufforderung ermutigte Altbundespräsident Prof. Dr. Horst Köhler die Blistaner, ihre persönlichen Träume anzugehen. Unter dem Motto "100 Jahre - 100 Talente" feierten die
Deutsche Blindenstudienanstalt (BliStA) und der
Deutsche Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS) am Donnerstag (22. September) im vollbesetzten
Erwin-Piscator-Haus (EPH) gemeinsam ihren Geburtstag.
Während des Ersten weltkriegs hatten der Augenarzt Prof. Dr. Alfred Bielschowsky und der erblindete Ökonom, Philologe und Pädagoge Prof. Dr. Carl Strehl in Marburg 1916 Deutschlands erste akademische Bildungseinrichtung für Blinde gegründet. Auf Strehls bequemen Sesseln saßen bei der Begrüßung zur Jubiläumsfeier am Donnerstagvormittag der DVBS-Vorsitzende Uwe Boysen und BliStA-Direktor Claus Duncker. Die Moderation übernahm anschließend der
DBSV-Geschäftsführer Andreas Bethke.
Der einstige BliStA-Schüler erinnerte sich daran, wie Köhler ihn ermutigt hatte, für einen Posten im Vorstand der BliStA zu kandidieren. Der so gepriesene "Mutmacher" wurde Bethkes Erwartung in seiner Rede dann auch vollkommen gerecht.
"Erst zu schauen, was jemand kann, und nicht zu schauen, was jemand nicht kann, ist nicht nur gute Behindertenpädagogik, sondern überhaupt gute Pädagogik", würdigte der ehemalige Bundespräsident die Grundeinstellung der BliStA. Köhler berichtete von seinen eigenen Erfahrungen als Vater einer blinden Tochter und der Ermutigung durch Pädagogen, vor allem aber durch die Schüler der BliStA.
Ausdrücklich lobte Köhler auch, dass die BliStA ihre eigene Geschichte während der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wissenschaftlich hatte untersuchen lassen. Aus Sorge um die Blindenbildungseinrichtung hatte der überzeugte Freimaurer Strehl damals mit den faschistischen Machthabern paktiert und ihnen weitgehende Zugeständnisse gemacht.
Seither aber sei die BliStA sich immer treu geblieben im Wandel, erklärte Köhler. Auch die Arbeit des DVBS bei der beruflichen Integration von Menschen mit Sehbeeinrichtungen erklärte er für unverzichtbar.
Die Bundesregierung forderte der frühere Bundespräsident auf, die Expertise von BliStA und DVBS sowie anderer Behindertenorganisationen zu hören und das Bundesteilhabegesetz (BTHG) entsprechend nachzubessern. Diese Aufforderung richtete er auch an den Hessischen Sozialminister Stefan grüttner.
In seiner Rede bekundete Staatsminister Grüttner vor allem Stolz darüber, dass BliStA und DVBS hessische Einrichtungen sind. "Auc nach 100 Jahren werden sie nicht müde, sondern eher noch immer lebendiger und immer fordernder", stellte er augenzwinkernd fest.
Schüler der BliStA übergaben ihm dann auch persönliche Briefe, die ihre Sorge über geplante Änderungen im Teilhabegesetz ausdrücken. Das Vorhaben stand genau am Tag der Jubiläumsfeier im Deutschen Bundestag bei seiner Ersten Lesung zur Debatte.
Aus diesem Grund hatte die Bundesbehindertenbeauftragte Verena Bentele auch nur eine Videobotschaft übersandt, die den 700 Jubiläumsgästen vorgespielt wurde. Bei der Diskussion im Bundestag wollte die ehemalige BliStA-Schülerin nicht fehlen.
Mit gekonntem Gesang garnierte der BliStA-Chor das Festprogramm. Ein jugendlicher Asylbewerber bedankte sich, dass die BliStA auf Anregung ihrer Schülerschaft unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in einer Wohngruppe aufgenommen hat.
Die Feier ist Teil eines dreitägigen Jubiläumsprogramms. Bereits Anfang Juli hatte in Marburg in diesem Rahmen auch das
Louis-Braille-Festival stattgefunden. Ebenso wie dort kommentierte auch diesmal ein Bildbeschreiber per Audiovision das Geschehen auf der Bühne und verlieh der Veranstaltung damit eine ganz besondere Note.
Franz-Josef Hanke
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