05.06.2016 (fjh)
"Wegen eines technischen Fehlers bitten wir Sie, das Gebäude zu verlassen." Diese Ansage irritierte am Samstag (4. Juni) die Besucher der Einweihungs-Show im
Erwin-Piscator-Haus. Angesichts der vorherigen Bemerkungen des Moderators Lars Reichow glaubten viele zunächst an einen originellen Gag der Veranstalter.
Tatsächlich jedoch hatte ein Brandmelder im Lift angeschlagen. Ein Feueralarm im Aufzug führte kurz vor dem Ende der großen Eröffnungs-Gala zur Räumung des Baus.
Erst als Martinshorn zu hören war und die Feuerwehr vorfuhr, legten einige ihre Zweifel ab. Einzelne hielten aber selbst das noch für einen Teil der kabarettistischen Inszenierung.
"33 Millionen Euro hat der Umbau gekostet", hatte Reichow zu Beginn des Show-Programms gesagt. Noch sei manches nicht eingespielt: Die Techniker wüssten noch nicht, wo die Lichtschalter sind; und einiges funktioniere noch nicht richtig.
Genau das führte unmittelbar nach der Pause die Gruppe "Saxism" vor: Das erste Stück mussten die Saxofonisten nur mit kleinen Leselampen spielen, weil die Bühnenbeleuchtung ausblieb. Doch während ihres Spiels wurde es hell; und die Show ging mit unvermitteltem Elan weiter.
Zuvor hatte Reichow Witze über die Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihren Telefonpartner Vladimir Putin sowie den französischen Präsidenten Francois Hollande gemacht. In einem Lied am E-Piano karrikierte er Putins Großmannssucht und Merkels geduldige Bereitschaft, bei Krisen aller Art zu vermitteln.
Der "Steh-Greif"-Improvisationskünstler Thomas Kreimeyer unterhielt sich überaus schlagfertig mit dem Publikum: Nacheinander griff er sich einzelne Besucher heraus und befragte sie nach ihrer Herkunft, ihrem Beruf und anderen Details. Alle Antworten quittierte er mit spontanen Kommentaren, die sich meist durch überraschenden Witz auszeichneten.
Zufällig befragte er auch den Oberbürgermeister nach seinem Beruf. "Ich mache Politik", antwortete Dr. Thomas Spies darauf. "Und was tun Sie da so?", wollte Kreimeyer wissen.
"Ich habe heute diese Halle eröffnet", berichtete Spies. "Hallen eröffnen", konstatierte Kreimeyer. "Wie viele Hallen haben Sie denn so in Marburg?"
Eine gelungene Tanz-Einlage des TSV Marburg und der Tanzschule "Step in" erfreute die 600 Gäste beim Abendprogramm ebenso wie musikalische Darbietungen von "Saxism" beispielsweise von Georg-Friedrich-Haendls "Wassermusik".
Als die Rockband des
Hessischen Landestheaters Marburg gerade Musik aus verschiedenen Theaterproduktionen vortrug und Franziska Knetsch ihre Stimme in Höchstform brachte, ertönte plötzlich die Sirene mit der Aufforderung, das Gebäude zu verlassen. "Benutzen Sie auf keinen Fall die Aufzüge", riet die Stimme, deren Ansage sich in einer Endlos-Schleife bestimmt eine halbe Stunde lang wiederholte.
Erst nach und nach begannen die irritierten Besucher, das EPH zu verlassen. Der Weg aus dem Saal hinaus auf die Savignystraße war glücklicherweise kurz.
Draußen versammelten sich die Besucher und diskutierten miteinander, ob das wohl eine Inszenierung sei oder bitterer Ernst. Letzteres bestätigte schließlich EPH-Fachdienstleiterin Tine Faber, die auch versprach, die Garderobe notfalls aufzubewahren, falls die Gäste das Haus nicht in Kürze wieder betreten könnten.
Kurz nach 23 Uhr hatte die Feuerwehr den Brandherd im Lift als ungewollte Auswirkung der Nebelmaschine des
Kulturladens KFZ ausgemacht; und die Besucher durften das Haus wieder betreten. Die Mitternachtsparty im KFZ ab 23 Uhr konnte mit nur geringer Verzögerung beginnen.
Die Einweihungsgäste indes wissen nun, dass das EPH im Notfall schnell geräumt ist und dass das hilfsbereite Personal dabei sorgfältig und gelassen reagiert. Andererseits stelt sich angesichts des baulichen Zustands des Umbaus aber schon die Frage, ob die Halle nicht zu früh eingeweiht wurde, bevor alle technischen Arbeiten erledigt und der Zustand des Hauses gründlich geprüft wurde.
Jedenfalls hatte Reichow die
Universitätsstadt Marburg wohl zu früh gelobt, als er zu Beginn der Abendveranstaltung sagte: "Marburg befindet sich nun an der Spitze der Baubewegung." Seine Spitzen gegen den Berliner Großflughafen BER erhielten mit der Räumung des EPH einen kleinen satirischen Beigeschmack.
Franz-Josef Hanke
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