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Bundesverdienstkreuz für Wilhelm Solms

13.04.2016 (fjh)
Für seinen ehrenamtlichen Einsatz zur Erforschung von Verhaltensweisen gegenüber Sinti und Roma und seinen Einsatz für ihre berechtigte Interessen hat Prof. Dr. Wilhelm Solms am Montag (11. April) im Rathaus das Bundesverdienstkreuz am Bande erhalten. Der Marburger Germanist rief anlässlich der Ehrung spontan zu einer Spendenaktion für mehr Bildungschancen der Sinti und Roma auf.
"In Marburg steht das friedliche Miteinander ganz explizit an erster Stelle", erklärte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies. "Deshalb freut es mich, dass Sie sich von hier aus bundesweit im Sinne des Aufklärens und des Verständnis-Schaffens engagieren."
Schon der antike römische Rhetoriker Cicero habe gewusst: "die Ehrung ist der Tugend Lohn", hob Spies hervor. "Sie, Herr Professor Solms, haben sich die heutige Ehrung durch das Bundesverdienstkreuz mit Ihrem langjährigen Einsatz für die Erforschung von Vorurteilen gegenüber Sinti und Roma mehr als verdient."
Gemeinsam mit dem Hessischen Staatsminister Dr. Thomas Schäfer händigte Spies dem bundesweit renommierten Wissenschaftler das Bundesverdienstkreuz aus. Schäfer erklärte in seiner Laudatio: "Viele Jahre lang war die Erforschung des Antiziganismus - also der Diskriminierung von Sinti und Roma, an deutschen Universitäten kaum ein Thema. Das hat sich dank Ihres langjährigen ehrenamtlichen Einsatzes grundlegend geändert."
Solms verband mit seiner Dankesrede die Idee, zum jährlichen Gedenktag am 2. August für die im Holocaust ermordeten Sinti und Roma künftig auch ein Zeichen für die Zukunft, für die lebenden Nachkommen zu setzen. "Ich wünsche mir, dass zum Anlass des Gedenktages eine bedürftige Sinti-Familie Unterstützung für eines ihrer Kinder für Bildung erhält", erklärte der frisch gebackene Bundesverdienstkreuzträger. Bei einer ersten Sammlung im Rathaus kamen bereits am Montag über 400 Euro zusammen.
Wilhelm Prinz von Solms zu Hohensolms-Lich studierte Germanistik und Musikwissenschaft an der Universität München und an der Musikakademie Wien. 1971 promovierte er mit der Arbeit "Goethes Vorarbeiten zum Divan", bevor er 1977 dem Ruf als Professor für "Kommunikationswissenschaften und Mediendidaktik" an die Philipps-Universität folgte. Hier wurde er 2001 auch emeritiert.
Gastdozenturen führten ihn 2004 und 2006 unter anderem an die Staatliche Universität Jerewan in Armenien. Seit Anfang der 90er Jahre arbeitet der Geehrte ehrenamtlich auf dem Gebiet der Antiziganismusforschung. Aus den Forschungen zu Märchen und im Kontakt mit Mitgliedern der Minderheit Sinti und Roma führte ihn der Weg über die Analyse von sogenannten "Zigeuner"-Bildern in der deutschsprachigen Literatur hin zu einer umfassenden Erforschung von Vorbehalten, Vorurteilen und Verhaltensweisen der Mehrheitsbevölkerung und ihrer Eliten gegenüber Sinti und Roma.
Oberbürgermeister Spies dankte Solms im Namen der Universitätsstadt Marburg für sein weit über das übliche Maß hinausgehendes gesellschaftliches Engagement. Er bestätigte: "In mehreren Filmen der 50er und 60er Jahre werden Vorurteile gegenüber Sinti und Roma in grotesker Weise präsentiert. Deshalb sei es zwingend erforderlich gewesen, diese Vorurteile - aber auch Verhaltensweisen - gegenüber einer gesellschaftlichen Minderheit zu identifizieren und zu hinterfragen.
"Sie haben die Antiziganismusforschung so weit vorangebracht wie vielleicht sonst kein anderer", resümierte Spies. Finanzminister Schäfer ergänzte: "Es war Ihnen stets ein Anliegen, Ihre Forschungsergebnisse nicht im vielzitierten wissenschaftlichen Elfenbeinturm zu belassen, sondern damit auch breitere gesellschaftliche Debatten anzustoßen so beispielsweise zum dunklen Kapitel des Nationalsozialismus und der Ermordung von Sinti und Roma in Konzentrationslagern."
Solms berichtete: "Mit einer kontinuierlichen Förderung hätten wir noch viel mehr leisten können." Mehrfach seien Anträge zur Institutionalisierung der universitären Forschung abgelehnt worden. Für die wiederholte Förderung seitens der Universitätsstadt Marburg dankte Solms dem Ehrenbürger und ehemaligen Oberbürgermeister Egon Vaupel umso mehr.
Bis heute gibt es an den deutschen Hochschulen für die Antiziganismusforschung im Unterschied zur Antisemitismusforschung kein eigener Lehrstuhl. Deshalb haben sich 1998 Antiziganismusforscher aus verschiedenen Disziplinen in dem Verein "Gesellschaft für Antiziganismusforschung" (GfA) zusammengeschlossen. Solms war federführend an der Gründung beteiligt.
Die GfA setzt sich für eine Erforschung des Antiziganismus in allen gesellschaftlichen Bereichen in Vergangenheit und Gegenwart ein. Sie stößt immer wieder öffentliche Debatten zu Forschungsergebnissen an und macht damit das Thema einer breiten Masse zugänglich. Solms war zunächst Zweiter Vorsitzender, seit 2000 ist er Vorsitzender des Vereins.
Damit sorgte Solms maßgeblich dafür, dass in Politik und Gesellschaft Ergebnisse der Antiziganismusforschung wahrgenommen und auch umgesetzt werden. Durch ihn wurden Literatur, Medien, Geschichte, Politik, Religion und Kirche in die Forschungen einbezogen. Tagungen, Tagungsbände, Artikel und Vorträge in ganz Deutschland sind Teil seiner Tätigkeit.
Darüber hinaus unterstützt Solms Sinti und Roma, wenn es um die Durchsetzung ihrer berechtigten Interessen geht. Das zeigt sich darin, dass er seit Jahren auch dem Kuratorium des Dokumentations- und Kulturzentrums deutscher Sinti und Roma in Heidelberg angehört. Eine der zentralen Aufgaben des Zentrums besteht darin, die Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland und Europa zu dokumentieren.
Priorität haben dabei die Interviews mit Überlebenden des Holocausts und das Festhalten ihrer Erinnerungen auf Tonband oder Video sowie Archivrecherchen im In- und Ausland. Darüber hinaus sammelt das Zentrum systematisch private Zeugnisse von Überlebenden und ihren Angehörigen, wobei alte Familienbilder von besonderem Interesse sind. Aus dieser Arbeit ist mittlerweile ein Archiv entstanden, das in seiner Art einzigartig ist.
Bei allen Forschungen zum Antiziganismus nimmt Solms jederzeit pointiert Stellung zu Versäumnissen beispielsweise in der Erinnerungspolitik. Das Zurückdrängen von offenem Antiziganismus ist nicht nur das Ziel der Gesellschaft für Antiziganismusforschung, sondern auch das persönliche Anliegen des Bundesverdienstkreuzträgers. So ist auch sein jahrelanges Bemühen um eine Institutionalisierung der Antiziganismusforschung an einer Universität zu verstehen.
Auch im direkten Umfeld seiner Professur ist Solms ehrenamtlich engagiert. Von 1986 bis 2004 war er Vorstandssprecher der "Arbeitsgemeinschaft literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten" in Berlin, der heute weit über 200 Vereine und Institutionen angehören.
Von 1998 bis 2002 war er Vorsitzender des Marburger Literaturforums. Das Literaturforum hat Lesungen und - in Kooperation mit dem städtischen Fachdienst Kultur - mehrere Tagungen mit Autorinnen und Autoren organisiert, von denen die meisten ein großes Medienecho fanden.
pm: Stadt Marburg
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