29.03.2016 (fjh)
Der Todestag von Erwin Piscator jährt sich am Mittwoch (30. März) zum 50. Mal. "Na, du bist doch der Piscatorsch Erwin", wurde der Regisseur im Sommer 1952 von einem Heubauern begrüßt.
Das geschah in einem Dörfchen, in dem am 17. Dezember 1893 sein Lebenslicht aufschien. Da verschlug es selbst dem weltgewandten Regisseur die Sprache.
Am Hirschberg 2 in Marburg, wo die Familie seit 1899 vom Handel mit Textilwaren lebte, war der Empfang 1952 zwiespältiger ausgefallen. Während Piscator vor dem Haus schmunzelnd Erinnerungen an eine handfeste Auseinandersetzung mit "Pis, Pis" stichelnden Jungen vom Schuhmarkt nachhing, stellten etliche Marburger ihre eigenen Überlegungen an.
Einige wollten durch ihn den Neubeginn nach dem Nationalsozialismus prominent aufpolieren; andere befürchteten unbequeme Fragen des Remigranten aus den Vereinigten Staaten von Amerika (USA). Wie so oft in seinem Leben befand sich Piscator in einem ambivalenten Status.
In Marburg hatte er frühzeitig seine Lebensentscheidung gefällt nicht ohne Missfallen seiner Familie. Vorausgegangen war dem Eklat eine offenbar höchst eindrucksvolle "Maria Stuart"-Version der Gießener Bühne in den Marburger Festsälen wahrscheinlich 1905. Piscator erinnerte sich später: Als unter der Bühne der Schottin Kopf fiel – "sowas machte man mit einem Klopfen auf dem Bühnenboden, da war ich tief erschüttert, weinte nächtelang und beschloss, das muss ich auch erleben".
Ganz so schlimm kam es nicht. Als Schauspieler konnte er später nicht recht überzeugen, umso mehr aber als der politische Regisseur im Berlin der 20er Jahre, als der künstlerisch und technisch experimentierende Innovator der Bühne.
So umstritten wie legendär war Piscators Credo: Er mache politisches Theater, um die Kunst von der Politik zu befreien. Er war ein Utopist mit dialektischer Raffinesse. An seinen Inszenierungen schieden sich die Geister: Bravo! oder Buh! wie 1926 „Die Räuber“ mit Spiegelberg in der Maske Trotzkis oder „Hoppla, wir leben!“ 1927. Im gleichen Jahr konnte er stolz der Mutter nach Marburg berichten, dass er nunmehr zu den berühmtesten Regisseuren Deutschlands zähle.
Aber die Berühmtheit, die er in den Dienst der kommunistischen Sache stellte, hatte ihren Preis. Die Angriffe gegen ihn wurden immer bedrohlicher. Nur durch Filmarbeit in der Sowjetunion entging er 1933 dem Verhaftungskommando der Nationalsozialisten.
Sowjetunion, Frankreich – in Neuilly heiratete er 1937 die ehemalige Tänzerin und Choreografin Maria Ley – und die USA wurden seine Exilstationen. In New York leitete er erfolgreich den "Dramatic Workshop". Schüler waren unter anderen Tennessee Williams und Marlon Brando.
Nach 1945 geriet Piscator in die Mühlen des Kalten Kriegs. Der McCarthy-Untersuchungsausschuss für antiamerikanische Umtriebe begann sich lebhaft für ihn zu interessieren. Piscator hielt es für ratsam, die USA 1951 zu verlassen und nach Deutschland zurückzukehren.
Doch niemand hatte ihn gerufen. Vielleicht misslang deshalb eine erste Inszenierung in Hamburg. Danach blieben vorerst nur kleine Theater wie die in Marburg oder Gießen.
Noch von New York aus waren Kontakte zum Marburger Schauspiel geknüpft worden. 1948 übernahm Piscator das Patronat über das Marburger Schauspiel: Er versorgte das darbende Personal mit Nahrungs- und Genussmitteln. Für manchen war das damals bedeutender als eine Inszenierung des Meisters.
Am 14. Mai 1952 stellte er seine erste Marburger Regiearbeit vor. Es war "Nathan der Weise" von Gotthold ephraim Lessing über Toleranz und Humanität. Hätten es doch "meine Marburger" und die deutsche Mehrheit nur richtig verstanden, dann wären der Welt und ihnen selbst Auschwitz und Adolf Hitler erspart geblieben.
Das Publikum wurde durch Mitarbeiter des Theaters in der Oberhessischen Presse (OP) redlich eingestimmt, sowohl was die Absichten des Regisseurs anging als auch, was die ungewöhnliche Raumaufteilung in den Marburger Stadtsälen betraf. "Ohne Platznummerierung" signalisierte das Blatt dem Premierenpublikum die Normabweichung.
Der Zuschauerraum funktionierte als Versammlungsstätte. Die Bühne lag inmitten der Zuschauer mit Laufstegen zu ihnen. Überall hingen Transparente mit Symbolen und Zitaten aus dem Stück. Die Inszenierung feierte in Marburg und anderen Städten große Erfolge und fuhr Besucherrekorde ein.
Auch für die Interpretation von Georg Büchners "Dantons Tod" (Premiere am 5. November 1952) brach der Regisseur den Raum auf. Aus dem Publikum wurden politisch-agitatorische Szenen initiiert. Piscators Sicht auf das Sujet sollte suggerieren: dieses Mal ist die Revolution gescheitert, jedoch nicht für immer.
Mit den Regiearbeiten "Hexenjagd" von Arthur Miller (Premiere am 20. April 1955) und "Die Eingeschlossenen" von Jean-Paul Sartre (Premiere am 22. November 1960) am Marburger Schauspiel stellte sich Piscator gesellschaftskritischen Reflexionen zeitgenössischer Autoren. Er wollte sein Publikum dazu bewegen, eigene Wirklichkeitserfahrungen zu hinterfragen und sich mit den Verstrickungen im Nationalsozialismus auseinanderzusetzen.
Der Kreis zum politischen Theater schloss sich freilich erst wieder in Berlin, nachdem Piscator 1962 – nicht zuletzt durch die Fürsprache des Marburger Theaterleiters Heinrich Buchmann – die Intendanz der Freien Volksbühne übernahm. Dort bot Piscator dem Unbehagen der Jungen über das Schweigen der Väter–Generation die Projektionsfläche.
In die gesellschaftliche Kontroverse eingreifende Inszenierungen von Rolf Hochhuths "Der Stellvertreter" (1963) und "Die Ermittlung"“ von Peter Weiss (1965) schrieben Theatergeschichte. Marburg war für den Theaterrevolutionär Ausgangspunkt und Transit.
pm: Stadt Marburg
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