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Neue Stadtschrift


Der Alte jüdische Friedhof zu Marburg

19.02.2016 (fjh)
Einen ganz besonderen Marburger Erinnerungsort stellt die neue Stadtschrift "Der Alte Jüdische Friedhof zu Marburg"vor. Sie enthält die Geschichte des Begräbnisplatzes mitsamt einer Beschreibung aller Grabstätten.
Die neue Publikation des Rathaus-Verlags hat Bürgermeister Dr. Franz Kahle am Mittwoch (17. Februar) präsentiert. Anwesend waren auch die Autorin Dr. Barbara Rumpf-Lehmann, Amnon Orbach von der Jüdischen Gemeinde Marburg, Baudirektor Jürgen Rausch, Julia Kempf von der städtischen Friedhofsverwaltung, Schriftleiter Dr. Ulrich Hussong, Grafiker Tom Engel sowie Jochen Müller vom Fachdienst Bauverwaltung und Vermessung, der einen Faltplan mit allen Grabstätten erstellt hat. Nicht dabei sein konnte Andreas Schmidt, der viele der Grabsteine für das Buch fotografiert hat.
"Auch ein Friedhof spiegelt das Leben in einer Stadt wider", sagte Kahle. "Der Jüdische Friedhof macht das Verhältnis der Gesellschaft zu ihren jüdischen Mitbürgern sichtbar."
Orbach betonte, dass der alte Friedhof auch heute noch ein wunderschöner Ort sei, der durch die Publikation nun bekannter werde. Obwohl der Friedhof sich an zentralem Ort befindet, wüssten viele nicht, wo er liegt, sagte Rumpf-Lehmann.
Sie beschreibt die wechselvolle Geschichte des Jüdischen Friedhofs Am Alten Kirchhainer Weg vom Mittelalter bis zur Gegenwart und liefert dabei nicht nur einen kenntnisreichen historischen Abriss, sondern auch sehr genaue Beschreibungen aller einzelnen Grabstätten. "So werden vergängliche Spuren der Geschichte für die Nachwelt festgehalten", sagte Bürgermeister Kahle.
Die Geschichte des jüdischen Friedhofs erzählt zugleich auch von der Geschichte der jüdischen Bevölkerung in und um Marburg und zeugt vom Leid der jüdischen Menschen zur Zeit des Nationalsozialismus. Der Blick auf die jüngsten Grabstellen zeigt aber auch, wie eine neue jüdische Gemeinschaft in Marburg wieder langsam wächst.
Die Autorin erläutert Rituale und Feiern der jüdischen Religion rund um Tod und Begräbnis, Feiertage wie das Neujahrsfest oder Jom Kippur. Auch Begräbnisrituale und die Gestaltung des Friedhofs werden erklärt.
Die Stadtschrift bietet einen detaillierten Überblick über die Geschichte des Friedhofs: Die ältesten Hinweise auf eine jüdische Begräbnisstätte stammen aus dem Jahr 1375. Allerdings war das Grundstück zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als Friedhof in Gebrauch.
Vom 14. bis ins 17. Jahrhundert konnten keine Beerdigungen auf dem Friedhof nachgewiesen werden und das Gelände wurde landwirtschaftlich genutzt. Die ältesten Grabmale, die auf dem Friedhof erhalten sind, stammen aus der Zeit von 1712 bis 1801/1802.
1883 verkaufte die Stadt das Grundstück an die wachsende jüdische Gemeinde. Anhand der Grabsteine lassen sich einige Rückschlüsse auf die jüdischen Familien ziehen, die im 19. Jahrhundert in Marburg lebten.
An den Gräbern aus dem 20. Jahrhundert lassen sich hingegen auch die Gräueltaten der Nationalsozialisten ablesen: So ist beispielsweise das Grab der 1860 geborenen Selma Munk, die eigentlich neben ihrem 1917 verstorbenen Mann Leo bestattet werden sollte, leer geblieben. Sie wurde 1943 in Theresienstadt ermordet.
Die letzte Beisetzung fand im Januar 1942 statt. Im Mai und im September 1942 wurden die jüdischen Bürgerinnen und Bürger deportiert. Nur wenige überlebten.
Nach Kriegsende lebten kaum noch Menschen jüdischen Glaubens in Marburg. Beerdigungen gab es daher kaum.
Erst mit dem Zustrom russisch-jüdischer Gemeindemitglieder in den 90er Jahren gab es wieder mehr Bestattungen auf dem alten Friedhof. Doch er wurde bald zu eng, so dass es inzwischen einen neuen jüdischen Friedhof am oberen Ende des Friedhofs am Rotenberg gibt.
Der Friedhof wird also nicht mehr genutzt. Die Grabsteine mit ihren Inschriften und Symbolen können dem kundigen Betrachter jedoch viel erzählen.
Rumpf-Lehmann stellt herausragende Grabsteine ausführlicher vor und erzählt die Geschichten, die sich dahinter verbergen. Da ist die Geschichte des Metzgers Meyer Baum zum Beispiel, der erst seinen Sohn, dann die kleine Tochter verlor und dessen Frau zehn Jahre später in der Lahn ertrank wie auch ein weiterer Sohn im gleichen Jahr.
Einen großen Teil des Buchs nimmt die Auflistung der über 300 Grabsteine ein mit den Lebensdaten der Beerdigten und den Besonderheiten der Steine. Wer ihnen vor Ort nachspüren möchte, dem gibt die Stadtschrift eine gute Hilfe an die Hand: Sie enthält einen Plan des Friedhofs, auf dem jede einzelne Grabstätte genau eingezeichnet ist und lädt so dazu ein, selbst in die Atmosphäre dieses Ortes einzutauchen und die Zeugen der Geschichte zu besuchen.
Die Stadtschrift "Der Alte Jüdische Friedhof zu Marburg" wird herausgegeben von der Friedhofsverwaltung im Fachdienst Stadtgrün, Klima- und Naturschutz der Universitätsstadt Marburg und kostet 14,40 Euro. Sie ist beim Fachdienst Presse- und Öffentlichkeitsarbeit unter der e-Mail oeffentlichkeitsarbeit at marburg-stadt.de und im Buchhandel erhältlich. Zudem kann man die Marburger Stadtschrift 104 auf www.marburg.de bestellen.
pm: Stadt Marburg
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