16.02.2016 (fjh)
Als "Champagnerbahnhof" haben die Marburger angeblich ihre erste Bahnstation bezeichnet, die 1850 in Betrieb ging. Heute trägt der Hauptbahnhof einen anderen Titel: Der Verein "Allianz pro Schiene" hat ihn zum "Bahnhof des Jahres 2015" gekürt.
Zwischen diesen Ereignissen liegen 165 Jahre Eisenbahn- und Stadtgeschichte. Nachlesen kann man sie in der neuen Marburger Stadtschrift "Die Stadt und ihr Bahnhof".
Bürgermeister Dr. Franz Kahle hat sie
vorgestellt. Bei der Präsentation im großen Saal des Bauamts waren auch Autoren der Publikation anwesend.
Insgesamt sieben Autoren haben sich in der Stadtschrift mit wissenschaftlicher Genauigkeit und Liebe zum Detail der Entwicklung des Schienenverkehrs, des Bahnhofs und des Marburger Nordviertels angenähert. Auf 398 Seiten beleuchten sie in zehn Aufsätzen verschiedene Themenbereiche vom Eisenbahnbau im 19. Jahrhundert bis zur 2014 abgeschlossenen Erneuerung des Marburger Hauptbahnhofs und seines Vorplatzes.
"Es ging darum, den aktuellen Umbau darzustellen und zugleich die Geschichte abzubilden", erklärte Kahle. "Der Bahnhof war zu seiner Entstehungszeit ein die Stadt prägender Bau und ist es heute wieder."
So nimmt der Historiker Dr. Lutz Münzer die Entwicklung des Streckennetzes und der Bahnhofsanlagen in den Blick. Er schildert den Bau der 1852 fertiggestellten Main-Weser-Bahn von Frankfurt über Marburg nach Kassel und erläutert, dass Projekte für weitere wichtige Eisenbahnstrecken im Raum Marburg an der schwierigen Geländesituation scheiterten.
Wie wichtig der
Universitätsstadt Marburg ihr Anschluss an das Schienennetz war, stellt der ehemalige Stadtarchivar Dr. Ulrich Hussong dar. Mit dem Bahnhof verbanden die Marburger die Hoffnung, Industrie anzusiedeln.
Ungetrübte Freude kam in den Jahren des Eisenbahnbaus dennoch nicht auf, denn die Standortsuche für die neue Bahnstation führte bis 1849 zu jahrelangem Streit. Die Bürger des Nordviertels warben dabei für den heutigen Standort, der entfernt vom damals bebauten Stadtgebiet lag. Die Weidenhäuser hingegen wollten den Bahnhof am Friedhof bei St. Jost errichten.
"Überall hin mit dem Bahnhof, nur nicht an das Nordost-Ende der Stadt, dem Klein-Sibirien unserer unmittelbaren Umgebung", schimpften sie. Den Entscheidungsträgern, die sich für den kostengünstigeren und verkehrstechnisch gut gelegenen Nordviertel-Standort entschieden, warfen sie "Heimlichkeiten" vor.
Dazu passt ein Bericht, demzufolge den Verantwortlichen die Entscheidung für das Nordviertel durch die Einladung zu einem luxuriösen Mahl mit Champagner erleichtert worden sein soll. Diese Begebenheit hat dem Bahnhof angeblich den Beinamen "Champagnerbahnhof" eingebracht. Der Wahrheitsgehalt dieser hübschen Anekdote ist allerdings zweifelhaft, wie Hussong feststellt.
Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts musste das erste Bahnhofsgebäude einem neuen Empfangsgebäude weichen, das im Stil des Neo-Barock errichtet wurde, wie Ulrich Klein vom Freien Institut für Bauforschung und Dokumentation (IBD) in der Stadtschrift erläutert. Im Zweiten Weltkrieg wurde dieses Bahnhofsgebäude stark beschädigt und erst 1956 – in veränderter Form – wieder in Betrieb genommen.
In den 90er Jahren bot der Bahnhof ein trauriges Bild. Baudirektor Jürgen Rausch berichtet, dass es eines gemeinsamen Kraftakts der Stadt, der Deutschen Bahn und weiterer Institutionen bedurfte, um die Situation zu verändern.
Mit dem Rückgang der Bedeutung des Schienenverkehrs hatte sich der Zustand des Hauptbahnhofs bereits seit den 70er Jahren verschlechtert. Die Stadtverordnetenversammlung (StVV) entschied sich 1997 dazu, den Bahnhofsvorplatz zu erneuern.
"Der Weg war weit und nicht immer einfach", resümierte Rausch. Doch 2006 kam es zum Bahnhofsentwicklungsvertrag, der den barrierefreien Ausbau des Bahnhofs durch die Bahn und die Umstrukturierung des Bahnhofsvorplatzes durch die Stadt zum Ziel hatte.
Anhand vieler Fotos erläutern Rausch und Bahn-Betriebsmanager Roland Meuschke die Bauarbeiten am Hauptbahnhof und dem Vorplatz, die 2009 begannen und bis Ende 2014 dauerten. Der Architekt Prof. Wolfgang Schulze ergänzt stadtplanerische Aspekte, die für das Projekt wichtig waren. Insgesamt wurden in die Sanierung des Bahnhofs, den Umbau der Bahnanlagen und die Neugestaltung des Bahnhofsumfelds 30 Millionen Euro investiert, davon elf Millionen in den Vorplatz samt umliegender Verkehrsführung.
"So etwas zu gestalten, das geht nur gemeinsam", sagte der Bahnhofsmanagement-Leiter Meuschke. "Das ist in Marburg gelungen."
Im Mai 2015 weihten die Marburger ihren Bahnhof und den Vorplatz mit einem Fest ein. Sie ahnten nicht, dass sie im August erneut Grund zum Feiern haben würden, denn da kürte der Verein "Allianz pro Schiene" den Marburger Hauptbahnhof zum "Bahnhof des Jahres 2015". Als "stille Alltagsschönheit" und "neue Heimstätte intelligenter Mobilität", der die Stadt "einen großzügigen Bahnhofsvorplatz vor die Füße gezaubert hat", lobte die Jury das Projekt.
Abgeschlossen ist das Kapitel Bahnanlagen in Marburg damit aber nicht. So richtet Manfred Schmidt vom
Kulturzentrum Waggonhalle im letzten Aufsatz der Stadtschrift den Blick auf das alte Waggonhallen-Areal, dessen künftige Gestaltung und Nutzung derzeit diskutiert wird.
Die Stadtschrift "Die Stadt und ihr Bahnhof - zur Entwicklung des Schienenverkehrs und des Marburger Bahnhofsviertels" wurde vom Fachbereich Planen, Bauen und Umwelt der Universitätsstadt Marburg herausgegeben und kostet 18 Euro. Sie ist beim Fachdienst Presse- und Öffentlichkeitsarbeit unter der e-Mail
oeffentlichkeitsarbeit at marburg-stadt.de und im Buchhandel erhältlich. Zudem kann man die Marburger Stadtschrift 103 auf
www.marburg.de bestellen.
pm: Stadt Marburg
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