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Nazis tot


Wolfgang Schorlau las aus NSU-Krimi "Die schützende Hand"

03.02.2016 (fjh)
Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos wurden ermordet. Davon ist Wolfgang Schorlau fest überzeugt. Der Stuttgarter Bestseller-Autor las am Dienstag (2. Februar) im Technologie- und Tagungszentrum (TTZ) aus seinem NSU-Krimi "Die schützende Hand".
Zwei Kilo Hirn, zwei Patronenhülsen und 20 Sekunden Abstand zwischen zwei Schussgeräuschen sind die Gründe, warum Schorlau nicht an einen Selbstmord der beiden Uwes glauben will. Gut zwei Kilogramm Hirnmasse fehlten am angeblichen Tatort im Wohnmobil der Neonazis. Der von Polizeibeamten angegebene Abstand von 15 bis 20 Sekunden zwischen zwei Schüssen reicht Schorlaus Überzeugung nach nicht aus, um erst den Kameraden und dann sich selbst zu erschießen, wie die Polizei behauptetete.
Vor allem aber stellte Schorlau die Frage, wie die zweite Patronenhülse im Wohnmobil liegen konnte, wenn der Schütze sich mit dem zweiten Schuss aus dem Repetiergewehr selbst erschossen hat. Die Hülsen springen nämlich erst aus einem solchen Gewehr heraus, wenn man es nachlädt.
Mit diesen ungeklärten Fragen begibt sich Schorlaus fiktiver Ermittler Georg Dengler auf die Suche nach den Mördern der beiden Neonazis. Von einem Unbekannten hat der Privatdetektiv in dem erfundenen Teil des Kriminalromans 15.000 Euro zugespielt bekommen, um den Doppelmord in Erfurt aufzuklären.
Schorlaus Erfolgsrezept ist die Konstruktion einer erfundenen Handlung mit Dengler als Ermittler rund um reale Vorkommnisse. Dabei recherchiert der Autor politisch heiße Vorgänge nach wie das Oktoberfest-Attentat in München oder die Privatisierung der Wasserversorgung durch multinationale Konzerne.
Sein neuester Roman "Die schützende Hand" behandelt den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) und dessen Mordtaten ebenso wie den Tod der beiden angeblichen Haupttäter. Mit diesem Thema beschäftigen sich auch der NSU-Prozess in München sowie mehrere Parlamentarische Untersuchungsausschüsse im Bund und den Ländern Baden-Württemberg, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Thüringen. Inzwischen haben Parlamentarier auch Schorlaus Fragen in die Ermittlungen dieser Gremien eingebracht.
Im Gegenzug hat Schorlau die Akten der Untersuchungsausschüsse gewälzt und eigene Recherchen angestellt. Erstmals habe er für diesen Roman mit einem professionellen Rechercheur zusammengearbeitet, verriet Schorlau dem Publikum im vollbesetzten TTZ. Das habe sich durchaus gelohnt, da der Profi über noch bessere Arbeitsmöglichkeiten und Quellen verfügt habe als er selbst.
Zwei Passagen aus seinem Buch las Schorlau am Dienstagabend vor. Zwischendurch erzählte er von seiner Arbeit als Schriftsteller und seinem Verhältnis zu seinem Ermittler. Dabei mischte er Ernst mitunter mit einem Augenzwinkern und die Realität mit fiktiven Elementen.
Ob er nicht bedroht werde, wurde er in der abschließenden Publikumsrunde gefragt. Diese Frage komme immer wieder, antwortete Schorlau, aber bisher habe er dergleichen noch nie erlebt. Allerdings vermute er, dass sein Arbeitsprozess bei der Erstellung des Kriminalromans intensiv beobachtet wurde.
Letztlich sei die NSU-Mordserie eines der schlimmsten Verbrechen in Deutschland seit der Wiedervereinigung 1989. Die Verstrickung des Verfassungsschutzes in dieses Verbrechen wie auch in die neofaschistische Szene seien beängstigend und müssten aufgeklärt werden. Dazu möchte Schorlau mit seinem Roman beitragen.
Franz-Josef Hanke
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