02.02.2016 (fjh)
Im Alter von 99 Jahren ist der Lebenshilfe-Gründer Dr. Tom Mutters in der Nacht zum Dienstag (2. Februar) in Marburg gestorben. Er sei in den letzten Wochen immer schwächer geworden und am Ende friedlich eingeschlafen, hieß es aus seiner Familie.
"Heute empfinden wir alle in der Lebenshilfe tiefe Trauer", sagte die Lebenshilfe-Bundesvorsitzende Ulla Schmidt. "Tom Mutters war für uns ein echter Held; und er wird es immer bleiben. Nach dem furchtbaren Krieg, in dem etwa 300.000 kranke und behinderte Menschen als lebensunwert von den Nazis verfolgt und ermordet wurden, war es Tom Mutters, der die Familien dazu brachte, ihre geistig behinderten Kinder nicht mehr zu verstecken."
Als UN-Beauftragter für "Displaced Persons" wie Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge und andere Menschen, die von den Nazis verschleppt worden waren, lernte Mutters in der Nachkriegszeit das Elend geistig behinderter Kinder in den Lagern und in der hessischen Anstalt Goddelau kennen. Er sagte einmal: "In ihrer Hilflosigkeit und Verlassenheit haben diese Kinder mir ermöglicht, den wirklichen Sinn des Lebens zu erkennen, und zwar in der Hinwendung zum Nächsten."
Der Niederländer wurde über Jahrzehnte zum Motor der Lebenshilfe. "Tom, der Gründer" wird er bis heute genannt.
In den Anfangsjahren reiste er kreuz und quer durch die Republik und brachte die Lebenshilfe-Botschaft in jeden Winkel des Landes: Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung gehören ohne Wenn und Aber dazu. Sie sind ein wertvoller Teil der Gesellschaft – sie brauchen nur mehr Unterstützung als andere.
Mutters brachte den Selbsthilfe-Gedanken auch in andere Länder wie Indien, Afrika und Osteuropa. Mit Unterstützung der Lebenshilfe schlossen sich dort Eltern behinderter Kindern zu vergleichbare Vereinigungen zusammen. Zudem hatte Mutters 1965 maßgeblichen Anteil an der Gründung der ZDF-Fernsehlotterie "Aktion Sorgenkind", die heute "Aktion Mensch" heißt und vorrangig Projekte für Menschen mit Behinderung fördert.
Ein erstes großes Ziel der Lebenshilfe war erreicht, als in den 60er und 70er Jahren die Schulpflicht schrittweise für geistig behinderte und schwer mehrfach behinderte Kinder eingeführt wurde. Bis dahin galten sie als bildungsunfähig.
Auch als 1989 die Mauer fiel, wurde in Mutters wieder der alte Pioniergeist wach. Es dauerte kein Jahr, da gab es schon rund 120 neue örtliche Lebenshilfen im Osten Deutschlands von Annaberg-Buchholz bis Zeulenroda.
"Tom, der Gründer" hat die Lebenshilfe über Jahrzehnte geprägt und begleitet. Er hat Menschen mit Behinderung und ihren Angehörigen zu einem ganz neuen Selbstbewusstsein verholfen.
Seine Vision aus den 50er Jahren spiegelt sich heute in der UN-Behindertenrechtskonvention (UNBRK) wider, die seit 2009 behinderten Menschen in Deutschland uneingeschränkte Teilhabe garantiert und eine inklusive Gesellschaft einfordert. "Mit Tom Mutters ist eine der ganz großen Persönlichkeiten der deutschen Nachkriegsgeschichte von uns gegangen", satgte Schmnidt.
Für sein Lebenswerk erhielt Mutters zahlreiche Auszeichnungen: Zu seinem 70. Geburtstag wurde ihm 1987 das Große Bundesverdienstkreuz verliehen. Die Medizinische Fakultät der Philipps-Universität ernannte ihn im selben Jahr zum Ehrendoktor.
In seiner Heimat wurde er in den Rang eines Offiziers im Orden von Oranje-Nassau erhoben. 2013 bekam der Niederländer den Preis für "Dialog und Toleranz" des Paritätischen Gesamtverbands.
Ihm zu Ehren wurde 1996 die Lebenshilfe-Stiftung "Tom Mutters" ins Leben gerufen. Bundesweit tragen zahlreiche Lebenshilfe-Einrichtungen seinen Namen.
Mutters wurde am 23. Januar 1917 im Amsterdam geboren. Bis zu seinem Tod lebte er mit seiner Frau Ursula in Marburg-Wehrshausen. Gemeinsam haben sie vier erwachsene Söhne.
pm: Bundesvereinigung Lebenshilfe
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