29.01.2016 (fjh)
Zum zweiten Mal sprach die Holocaust-Überlebende Trude Simonsohn am Mittwoch (27. Januar) in Marburg über ihre Erinnerungen. Auch dieses Mal reichte der Platz im Historischen Saal des Rathauses nicht aus, die vielen Menschen aufzunehmen, die gekommen waren, die 94-jährige Zeitzeugin zu hören. Aber Simonsohn und die Frankfurter Sozialwissenschaftlerin Elisabeth Abendroth, mit der sie ihre Autobiographie "Noch ein Glück - Erinnerungen" geschrieben hat, versprachen sofort, noch ein weiteres Mal nach Marburg zu kommen.
Bereits im Mai 2015 war Simonsohn in die Marburger Synagoge gekommen. Nicht alle Interessierten passten damals hinein. Aus diesem Grund kam sie noch einmal in die Universitätsstadt.
Eingeladen hatte der Fachdienst Kultur der
Stadt Marburg in Kooperation mit der Jüdischen Gemeinde, der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit sowie dem Verein
Kulturelle Aktion "Strömungen". Kulturamtsleiter Dr. Richard Laufner, der die Anwesenden auch im Namen der Stadträtin Dr. Kerstin Weinbach begrüßte, erinnerte daran, dass der 27. Januar der Gedenktag zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz ist, in dem auch Simonsohn war. Anders, als viele andere, überlebte sie das Vernichtungslager.
Er sei froh, dass nach wie vor der Schrecken des Nationalsozialismus gedacht werde und die Menschen - und das zeige die überwältigende Resonanz - sich für die Vergangenheit interessieren. Angesichts von Pegida und Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte sei die Erinnerung sehr wichtig.
Angekündigt war eine Lesung aus dem Buch. Simonsohn sprach aber frei. Sehr authentisch waren daher ihre Schilderungen.
Sie erzählte, als wären noch nicht mehr als 70 Jahre seit Kriegsende vergangen. Klar und präsent sind ihre Erinnerungen.
An einige Dinge wie ihre Zeit in Auschwitz kann sie sich eigener Auskunft nach aber nicht mehr erinnern. Die Seele habe aus Selbstschutz wohl das Schrecklichste verdrängt, meinte sie.
1921 im mährischen Olmütz geboren, habe sie als Jüdin eine glückliche Kindheit in der demokratischen Tschechoslowakei verlebt, berichtete sie. Zur deutschen Schule sei sie gerne gegangen. Ein abruptes Ende fand dieser Schulbesuch jedoch nach der Besetzung durch die Deutschen 1939.
Sie habe sich in einer zionistischen Jugendorganisation engagiert, berichtete Simonsohn. Das tat sie unter den Nazis dann illegal weiter, bevor sie 1942 unter dem Vorwurf des Hochverrats verhaftet wurde und in mehrere Gefängnisse eingesperrt wurde.
"Es gab fürchterliche Repressalien", berichtete Simonsohn. "Tausende Menschen wurden erschossen."
Sie selbst habe große Angst um ihr Leben gehabt. Sie sei sicher gewesen, auch bald zu sterben.
"Ich habe sofort alles zugegeben, dass ich in einer jüdischen Organisation war", sagte Simonsohn. "Es war mir völlig egal. Mir war klar: Wenn ich einmal in der Maschinerie drin bin, werde ich auch nicht mehr herauskommen."
Wie Abendroth ergänzte, hätte die junge Frau dort sicher wirklich nicht überlebt. Dass sie letztendlich aus dem Gefängnis kam, als rassisch Inhaftierte und nicht mehr politisch nach Theresienstadt gebracht wurde, das habe sie dem deutschen Kommandanten in ihrer Heimatstadt zu verdanken, der einem entsprechenden Wunsch seitens Bekannter entsprochen habe.
Das sei "ein kleiner Baustein des Überlebens" gewesen, sagte Simonsohn. Weitere folgten.
Im Ghetto Theresienstadt traf sie ihre Mutter wieder und zahlreiche Freunde. Ihr Vater war da bereits im Konzentrationslager Dachau gestorben.
Sie wisse, dass ihre Schilderungen aus dem Lager in Theresienstadt sich manchmal zu positiv anhörten, sagte sie. Sie erinnerte sich daran, wie alle sich für die Kinder eingesetzt haben, damit sie scheinbar ein normales Leben leben konnten und unterrichtet wurden. Aber es habe natürlich trotz scheinbarer Selbstverwaltung mit Ältestenrat viel Hunger gegeben.
Für die Kinder hätten die alten und kranken Menschen Verzicht üben müssen. Aber die Jungen hätten etwas zurückgegeben. So seien praktisch neue Großeltern-Enkel-Beziehungen entstanden.
"Wir haben versucht, ein kleines bisschen Menschlichkeit zu bewahren", erklärte Simonsohn. In Theresienstadt lernte sie auch ihren Mann kennen. Der jüdische Pädagoge aus Hamburg war später auch Jurist.
Eine Wahrsagung einer "Zigeunerin" aus dem Gefängnis habe sich so bewahrheitet. Diese Frau habe ihr aus der Hand gelesen und gesagt: "du wirst hier rauskommen und den Mann deines Lebens kennenlernen." Damals habe sie das noch nicht glauben wollen, erzählte Simonsohn.
Immer wieder habe es Transporte nach Auschwitz gegeben, berichtete sie. 1944 sei zunächst ihre Mutter dorthin deportiert worden, die Auschwitz nicht überlebte. Dann folgte sie selbst.
Im Rückblick sei Theresienstadt angesichts des Grauens in dem Konzentrationslager noch die schönste Zeit für sie im Nationalsozialismus gewesen. In Auschwitz sei sie kahlgeschoren worden. Sie erinnerte sich noch, wie sie dann nackt und erniedrigt zwischen SS-Männern zur Kleiderkammer gelaufen sei.
"Und zu allem spielte Musik", berichtete die Überlebende. "wenn man eine halbe Stunde in Auschwitz war, wusste man, was los ist.“
Dann setze ihr Gedächtnis aus. Sie erinnere sich erst wieder, dass sie in einem Lager in Schlesien gewesen sei.
Sie sei nicht mehr tätowiert worden. Dder dortige Lagerleiter habe darauf verzichtet, die Kleidung zu markieren, wie es vorgeschrieben war.
So sei es gekommen, dass sie und andere bei der Verlegung Richtung Westen, zu der es wegen des Vormarschs der Roten Armee kommen sollte, zurückgeblieben sei und sich deutschen Flüchtlingen angeschlossen habe. Nicht wissend, wer vor ihr lief, habe eine Deutsche gesagt: "Das ist Gottes Strafe für das, was wir den Flüchtlingen angetan haben."
Ende April 1945 sei sie dann doch noch einmal verhaftet worden. Am 9. Mai 1945 wurde sie endgültig befreit.
"Ich war die einzige meiner Familie, die überlebt hat", stellte Simonsohn fest. Sie sei zunächst in ihre Heimatstadt und dann noch einmal nach Theresienstadt gegangen.
Dort sei sie wieder mit ihrem Mann zusammengekommen. Nach Zwischenstationen in der Schweiz und Hamburg kamen die beiden 1955 nach Frankfurt, wo Simonsohn heute noch lebt.
Abendroth verwies abschließend darauf, dass bei einer solchen Veranstaltung nur Schlaglichter gesetzt werden können. Den Anwesenden empfahl sie daher eindringlich, das Buch "Noch ein Glück - Erinnerungen" und damit die Geschichte von Trude Simonsohn zu lesen, die bei allem Schrecken auch einige amüsante Abschnitte enthalte.
pm: Stadt Marburg
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